Tausende Menschen im antiautoritären/ anarchistischen Block auf der revolutionären 1.Mai Demo 2026 in Berlin – Widerständige Pyroparty auf der Oranienstraße & regierungsfreundliches Framing in den Medien

Heute ist kein Feiertag, heute ist Kampftag! Mit zwei Stunden Verspätung setzte sich der antiautoritäre/ anarchistische Block in Berlin kraftvoll um 20 Uhr in Bewegung. Es zeigt sich, dass autonome Konzepte ein ungebrochener großer Anziehungspunkt für tausende junge und ältere Menschen sind und eine Alternative zu den dogmatischen Ideologien von K-Gruppen, ethnisch oder religiös geprägten Gruppen bilden. Als es nach langer Wartezeit endlich losging, wurde ein großer schwarzer Block gebildet, der voll vermummt und gut organisiert dem autoritären Normalzustand eine Absage erteilte. Mit Regenschirmen und durchgehenden Seitentransparenten wurde sich erfolgreich vom Partyvolk abgegrenzt, welches zum Teil die Demostrecke blockierte. Auf der Oranienstraße entwickelte sich durch nur ein langsameres Vorankommen eine massive Pyroparty mit dutzenden Bengalos, Rauchfackeln, Silvester-Batterien und Böllern. Als der Block nach 1 ½ Stunden den Rio-Reiser-Platz erreichte, war die Nacht schon hereingebrochen und es gab den ersten Kontakt mit den Polizeischergen der Hundertschaften. Die Bullen wurden mit reichlich Hass empfangen und kurz mit Böllern eingedeckt. Durch die massive Blockierung von Suff- und Partytouristen und Aufziehen eines massiven Polizeispaliers wurde der breite und massive Frontblock auf dem Weg zum Görlitzer Bahnhof in die Länge gedrückt und stand ab dem Görlitzer Bahnhof unter polizeilicher Kontrolle. Die Polizei versuchte hektisch mit Kameras Straftaten einzufangen, scheiterte jedoch an dem professionellen Sichtschutz des Blocks. Durch die starken Verzögerungen wurde die Demoroute durch Neukölln auf dem Weg zum Südstern stark verkürzt. Erst gegen Mitternacht, nach 5 Stunden, erreichte der Block seinen geplanten Zielort. Am Südstern versuchten die Bullen durch den Klau von den Seitentransparenten verzweifelt eine letzte Eskalation hervorzurufen. Vor den Kameras der Medienschaffenden versuchten sie mal eine Rechtfertigung für ihre Gewalt zu provozieren. Die Bullen hatten sich jedoch während der Demo im Vergleich zu anderen Jahren auffällig zurückgehalten. Im Vergleich zu anderen Jahren gab es fast keine Festnahmen. Auch ein auflösender Angriff auf den Frontblock wurde im Gegensatz zu anderen Jahren nicht durchgeführt. Als vorläufige Bilanz kann, gesagt werden, dass die Pyro-Party auf der Oranienstraße und die Zusammenkunft eines so großen schwarzen Blocks ein voller Erfolg waren. Die Szenerie war unglaublich schön und kraftvoll, auch wenn die Hauptstadt-Presse zu beschränkt war, die Bilder angemessen einzufangen. Die Kraft dieses Moments zeigt, dass es möglich ist, sich dem massiven Polizeiaufgebot und polizeistaatlichen Überwachungsmaßnahmen entgegenzusetzen.

Der 1. Mai 2026 startete mit sehr gutem Wetter und dementsprechend massiv wurde Kreuzberg schon früh mit Party- und Suffklientel geflutet. Es zeigt sich, dass der 1. Mai ein Anziehungspunkt für überwiegend sehr junge Menschen ist, die den Feiertag zum Cornern auf der Straße nutzen. Seitdem das entpolitisierende Befriedungsprojekt „Myfest“ des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg und einiger Anwohner seit 2020 nicht mehr stattfindet, hat sich das Partyvolk dezentralisiert und stark über SO36 ausgebreitet. Jetzt sind der Treptower Park, die Renate am Ostkreuz, der schlesische Busch, Teile Neuköllns bis zur Schönleinstraße, der Görlitzer Park, der Görlitzer Bahnhof und der Mariannenplatz Veranstaltungsorte von zum Teil angemeldeten Partyevents. Die Dezentralisierung der erlebnisorientierten Partyevents hat den Vorteil, dass das massive Gedränge rund um die Oranienstraße mit den lauten Bühnen entfällt und dem entpolitisierenden Saufgelage kein zentraler Platz geboten wird. Nach Jahren der autonomen Kämpfe gegen das Myfest, hat der Revolutionäre 1. Mai politisch gegen dieses Projekt der Aufstandsbekämpfung gewonnen. Hielt das Myfest doch als Argument der Versammlungsbehörde her, die revolutionäre 1.-Mai-Demo in SO36 immer wieder zu verbieten. So zeichnete die Polizei ein Bild von Partytouristen, die als friedliche Besucher von politischen Gewalttätern bedroht würden. Diese genaue Trennung gab es nur im Kopf der Herrschenden und viele Besucher des Myfestes kamen gerade auch wegen der Demo oder potenzieller Krawalle. Die „friedlichen“ Besucher stellten somit die Polizei vor neue Probleme. In den Jahren des Verbots lief der schwarze Block immer ungestört und erfolgreich durch das Myfest und durchbrach das Befriedungskonzept der unfähigen Berliner Behörden. Warum es in diesem Jahr zu den massiven Wartezeiten und dem sehr langsameren Vorankommen des antiautoritären Blocks kam, ist insofern unverständlich, weil die Demo schon mehrmals vor 2020 durch das viel vollere Myfest gelaufen war. Diese Verzögerungen könnten mit der Route über den Görlitzer Bahnhof zusammenhängen, wo seitlich strömendes Partyvolk und ein Konzert am Ende der Oranienstraße eine Blockade auslösten. Über die Ursachen kann insofern nur spekuliert werden, sie hängen jedoch sicher auch mit einem Versagen der Polizeiführung zusammen. Insofern kann die Verzögerung nicht einer einzelnen Rapgruppe zugeschrieben werden, die ein Spontankonzert vor einer Bar in der Oranienstraße abhielt, da am Görli massive Eingitterungen an der Feuerwache vorhanden waren.

Die Polizei war laut Presse mit weniger Polizeibeamten als in den Vorjahren unterwegs. Angeblich waren es 5300 Schlägerschergen. Davon war in Kreuzberg, Ostkreuz, Alexanderplatz und am Treptower Park jedoch nichts zu merken, weil überall massive Hundertschaftszüge mit jeweils dutzenden Wannen präsent waren. Augenscheinlich verzichtete die Polizei dieses Jahr auf die Präsentation von schweren Geräten wie Räumpanzern, die in manchen Jahren immer wieder in Bereitschaft standen. Die angebliche personelle Reduzierung des Aufgebots war somit in Kreuzberg und Umgebung nicht spürbar und ist eher auf den Versuch einer effektiveren Einsatzführung zurückzuführen. Dies ist nicht verwunderlich, weil in Hochzeiten (2009 bis 2011) über 9000 Polizeibeamte zur gewaltsamen Unterdrückung von Ausschreitungen aufgeboten wurden. Dies war für die polizeiliche Infrastruktur und Einsatzführung sicherlich ein Overkill, der den polizeilichen Apparat für staatliche Gewaltexzesse oder nutzloses Herumstehen und Warten prädestinierte. 2026 waren die Beamten in Kreuzberg sehr auf Deeskalation bedacht. Während in den früheren Jahren vermummte Hundertschaften die Menschen in Kreuzberg gezielt durchmischten und regelrecht belauerten, um extrem gewaltvoll Menschen wegen Nichtigkeiten festzunehmen, zusammenzuschlagen und wahllos einzupfeffern, gab sich die Polizei dieses Jahr eher passiv. Statt vermummter Hunderschaftszüge mit handlichen Schilden, standen die Wannen mit den Beamten ohne Auftrag in den Straßenzügen, wobei die Beamten ohne Helm das Treiben um sich herum dumm anglotzten. Es gab einige Hamburgergitter-Sperren und Anti-Terror-Poller, wobei die Kreuzberger Feuerwache komplett eingegittert war. Die Kreuzberger Feuerwache in der Wiener Straße ist mindestens seit 2009 ein Stützpunkt der Berliner Polizei am 1. Mai. Zumindest zogen sie sich zum Teil in das Gebäude zurück oder verschleppten Leute dort hin. Es ist traurig, dass die Berliner Feuerwehr den polizeilichen Schlägern der Hundertschaften einen Stützpunkt gewährt. Dieses Jahr gitterten sie den ganzen Bereich zu und als Berliner war es verwunderlich dies zu sehen. Der Grund lässt sich aus den Medien entnehmen, weil Bürgermeister Wegner zum geheimen PR-Termin für die Presse geladen hatte, um schöne Bilder mit dem Springer-Presse-Kartell zu produzieren. Es wurde scheinbar daraus gelernt, dass die Anwesenheit von Behördenvertretern und Regierenden in Kreuzberg unerwünscht ist. Man erinnert sich an die Flucht vom 1. Mai 2010 des Polizeipräsidenten Dieter Glietsch am Lausitzer Platz, als er mit Polizeischutz unter Stein-, Stuhl- und Flaschenbewurf fliehen musste. Doch der regierende Bürgermeister steht nicht nur wegen seiner fragwürdigen Machtposition im Berliner Behördenapparat in der Kritik. Der Öffentlichkeit missfallen andauernde Fehler in der kurzen Regierungszeit. So steht Wegner massiv wegen der Stromausfall-Tennis-Termin-Affäre unter Druck. Zudem musste er wegen einer Fördermittel-Affäre seine Kultursenatorin abberufen, die Fördergelder ohne sauberes Vergabeverfahren auszahlte. Wegner hat deswegen den Posten als Kultursenator mit dem Finanzressort zusammengelegt. Was sicher auch durch die klamme Berliner Haushaltslage begründet ist. Durch Kürzungen, unter anderen im Kulturbetrieb, trifft er die sowieso schon prekärer Beschäftigten Berliner. Zudem fällt Wegner der breiten Öffentlichkeit durch eine populistische, sehr teure und unfähige Sicherheitspolitik auf. Durch Prestigeprojekte wie der Schließung des Görlitzer Parks und Projekte für massenhafte KI-Kameraüberwachung versucht er, die offensichtlichen Sicherheitsprobleme der Hauptstadt unter den Teppich zu kehren. Trotz Sondereinheit kommt es gerade zu täglichen Schießereien von organisierten Schutzgelderpressern auf den Berliner Straßen. Zudem kriegt er das Mietenproblem in Berlin nicht in den Griff und lehnt entschiedene Maßnahmen ab, die der Berliner Bevölkerung einen normalen Lebensstandard sichern würden. Deswegen war es Wegner dieses Jahr sehr wichtig, keine Krawalle mit der Polizeiführung in Kreuzberg zu provozieren, um sein Ansehen nicht noch weiter zu schädigen.

Demensprechend wurde von den polizeilichen Pressesprechern und der Berliner Jubelpresse das Framing verbreitet, es handele sich um einen der friedlichsten und gewaltfreisten 1. Mai-Feiertage. Der Bürgermeister gibt dabei die Parole per Twitter schon mal vor, an die sich das CDU-nahe Berliner Klientel brav hält. Es zeigt sich wie jedes Jahr das Framing je nach Bedarf angepasst wird. Wenn ein CDU-Senator oder wie jetzt ein CDU-Bürgermeister an der Macht ist, werden Pressemitteilungen der Polizei offensichtlich wohlwollend anpasst. Zudem wurde die gewaltvolle Polizeitaktik auf ein Minimum reduziert und beim antiautoritären Block eher auf die psychologische Präsenz eines Polizeispaliers ab dem Görlitzer Bahnhof gesetzt. Für den antiautoritären Block hieß das massiver Pyrospaß in der Oranienstraße der in seiner Massivität in den letzten 20 Jahren einzigartig war und für ein kraftvolles zusammenkommen sorgte. Die Polizei hielt sich zurück als die Demo den Rio-Reiser-Platz/Heinrichplatz passierte. Wobei eine Eskalation in diesem Bereich mit Sicherheit eine Massenpanik mit Gedränge und schwerwiegenden Krawallen in der O-Strasse geendet hätte. Die Presse ist scheinbar unfähig, sich eigene Gedanken zu den Geschehnissen zu machen und zeigt keinen Willen die politischen Dimensionen der Polizeiarbeit zu erfassen. Sie übernimmt dabei nur zu gerne das Framing der Polizei, ohne zu hinterfragen, dass der Großteil der vergangenen Gewaltexzesse durch Festnahmen wegen absoluter Nichtigkeiten erzeugt wurde.

Die revolutionäre 1.-Mai-Demo 2026 war somit ein großer Erfolg, weil sie das Myfest erfolgreich überlebt hat und sich massiver Beliebtheit erfreut, was sich an den Teilnehmerzahlen ablesen lässt. Sie bildet einen starken Gegenpool zu dem Partytourismus, der jedoch nicht unbedingt als unpolitisch zu verstehen ist. Durchbricht das Cornern auf der Straße, doch auch die vorherrschende Verwertungslogik und wertet den Kiez zum Teil ab.  Dies trotz massiver polizeistaatlicher Maßnahmen und gewaltvoller Polizeitaktiken. Zudem zeigte es sich, dass es sich lohnt organisierte Blöcke für die Demo zu nutzen. Einziger Wehrmutstropfen waren die massiven Verspätungen, welche vielleicht noch im Detail aufgeklärt werden können.

passiert am 01.05.2026