Rechenzentren, „KI“ und Strategien für emanzipatorischen Widerstand

Im Vorfeld der bundesweiten Konferenz zur Vernetzung von Widerstand gegen „KI“ und Rechenzentren. am 7.11.26 in Berlin veröffentlichen wir folgendes Diskussionspapier

Es regt sich Widerstand gegen Rechenzentren und das, wofür sie stehen. Damit dieser Widerstand möglichst weit trägt, halten wir eine Diskussion zu drei Themen für wichtig:
1) Der enge Zusammenhang von Rechenzentren und „KI“
2) Gemeinsam kämpfen für Klima- und soziale Gerechtigkeit, gegen Faschismus und Militarisierung
3) Wirksamer Widerstand durch Vielfalt und Unberechenbarkeit

1) Der enge Zusammenhang von Rechenzentren und „KI“

Der massive Ausbau von Rechenzentren und der Hype um „KI“ hängen unmittelbar zusammen. Denn: Der Hype um „KI“ mobilisiert die finanziellen Ressourcen und die politisch einstimmige Unterstützung für einen in Geschwindigkeit und Umfang beispiellosen Ausbau materieller Infrastruktur. Der Zusammenhang umfasst die technische, ökonomische und politische Dimension.
• Der technische Zusammenhang: Rechenzentren sind gewissermaßen die Fabriken von „KI“. Während es schon länger Rechenzentren gibt (seit dem Aufkommen von „Cloud“ als zentral verwaltete Rechenkapazitäten), macht „KI“ noch viel mehr und größere Rechenzentren erforderlich: Manche Rechenzentren dienen primär dem Training von „KI“-Modellen (diese brauchen besonders teure Halbleiter-Chips und liegen oft eher ländlich), andere primär der Inferenz, also dem Errechnen von „KI“-Outputs basierend auf trainierten Modellen (diese liegen meist möglichst nah an Internetknotenpunkten, oft urban). Rechenzentren liegen am Ende einer komplexen globalen Lieferkette: Besonders deutlich ist die erhöhte Nachfrage nach seltenen Erden und Metallen sowie nach Wasser und (fossiler) Energie, die an vielen Stellen dieser Lieferkette benötigt werden: Bei der Herstellung der Lithografiemaschinen, die wiederum nötig sind, um Chips zu produzieren zu können, die wiederum nötig sind, um ein Rechenzentrum zu betreiben. Die Infrastruktur rund um Rechenzentren und „KI“ ist seit einigen Jahren in erheblichem Aufbau und schließt zunehmend auch Endgeräte ein, deren Funktionieren an eine kontinuierliche Anbindung nicht nur an Internetkonnektivität, sondern auch an „KI“ und Cloud gebunden ist (von Heimgeräten über industrielle Produktion hin zu Kampfjets).
• Der finanzielle Zusammenhang: Der Finanzierung von Rechenzentren liegt ein quasi-religiöser Glaube an die Unausweichlichkeit und die Spekulation auf zukünftige Profitabilität von „KI“ zugrunde. „KI“-Unternehmen fahren jährlich Milliardenverluste ein, weil ihre Ausgaben in Form von Kosten von Rechenkapazitäten, Energie und Löhnen über den Einnahmen liegen. Rechenzentren sind dabei der Knotenpunkt für finanzielle Risiken: Die Chipherstellung ist (bisher) profitabel (siehe Bilanzen von Nvidia, TSMC, SK Hynix), das gleiche gilt für die Bereitstellung von Rechenkapazitäten als Dienstleistung, die vor allem die drei Hyperscaler-Unternehmen Amazon, Microsoft und Google anbieten. Rechenzentren sitzen zwischen der Chipherstellung und der Bereitstellung von Rechenkapazitäten und werden häufig nur angemietet von denjenigen, die dann wiederum Rechenleistung nutzen oder verkaufen. Rechenzentren sind extrem kapitalintensiv (bis zu mehreren Milliarden Euro pro Rechenzentrum) und hochspekulativ, sodass auch Menschen aus der Rechenzentrumsbranche (anonym/vertraulich) sagen: „Wer das Risiko versteht, wird nicht investieren.“ Das Risiko (also die Wahrscheinlichkeit von Verlusten) ergibt sich u.a. aus einer kurzen Lebensdauer von Chips (je nach Quelle ein, zwei oder max. sieben Jahre), der langfristigen Finanzierung von Rechenzentrumsbau (oft 15-20 Jahre), einer hohen Unsicherheit über die Verfügbarkeit und den Preis von Chips, Energie und Wasser und einer ebenfalls hohen Unsicherheit über die Nachfrage nach „KI“-Rechenkapazitäten. Diese Risiken werden aktuell immer neu verschachtelt durch komplexe Zirkelkäufe zwischen „KI“-Unternehmen, Chipherstellern und Rechenzentrumsbetreibern, was selbst Finanzanalyst*innen kritisch bewerten. Bereits seit mehreren Jahren attestieren u.a. Analyst*innen von Goldman Sachs das Vorliegen einer „Blase“.
• Der politische Zusammenhang: Die vermeintliche Unausweichlichkeit von „KI“ wird politisch verknüpft mit einem Wettbewerb um geopolitische Vorherrschaft (v.a. zwischen USA und China), einem Streben nach „Souveränität“ (z.B. durch Chipherstellung und Rechenzentren in Europa) und dem (Un-)Heilsversprechen immer mächtigerer „KI“-Modelle. Dementsprechend wird die Frage danach, ob und wofür Rechenzentren gebraucht würden, nicht gesellschaftlich diskutiert, sondern ihre Notwendigkeit wird politisch gesetzt. Zivilgesellschaftliche Organisationen stellen aktuell bestenfalls die Frage danach, ob ein geringerer Umfang oder ein nachhaltigerer Betrieb genügen könnte. Das ist unzureichend und verhindert eine Beschäftigung mit den hochpolitischen Auswirkungen von Rechenzentren und „KI“ als Brandbeschleuniger bestehender Krisen:
◦ Die Umweltzerstörung nimmt zu, denn entlang der Lieferketten (mit Minen, fossiblen Kraftwerken und Chipfabriken) werden ganze Regionen der „KI“ geopfert und für jegliches Leben vergiftet.
◦ Arbeit wird entfähigt und verdichtet, denn „KI“-Automatisierung zwingt Arbeitende im Globalen Süden in immer intensivere Ausbeutung und entwertet und entfähigt Arbeitende im Globalen Norden.
◦ Die Fähigkeit zu kollektiver Organisierung nimmt ab, denn „KI“-Modelle sind dazu gemacht, menschliche Kommunikation vorzutäuschen und soziales Miteinander zu verdrängen.
◦ Rassistische und antifeministische Kräfte werden gestärkt, denn „KI“-Modelle verstärken weiße, cis-männliche Machtverhältnisse und verringern gesellschaftliche Vielfalt, indem sie die statistischen Muster der vermeintlichen Mehrheit überhöhen. Dies gilt gleichermaßen für weitere Ausgrenzungs- und Herabsetzungsformen, wie Ableismus, Antisemitismus, …
◦ Soziale Ungleichheit wächst, denn die Gesellschaft soll Austerität und Entbehrung mittragen zugunsten einer „Blase“, die absehbare Verluste auf die Gesellschaft abwälzt.
◦ Militarisierung und Gewalt werden technologisch verstärkt und mit dem Anschein von mehr Effizienz und Präzision verharmlost.
◦ Macht und Kontrolle werden weiter konzentriert, während Rechenschaft und Verantwortung technologisch verschleiert und ausgelagert werden.
◦ Faschistische Gedankenwelten werden normalisiert durch das Streben nach einer vermeintlichen Superintelligenz, die mit eugenischen Konzepten für das Sortieren in wertvolles und unwürdiges Leben verknüpft ist.

2) Gemeinsam kämpfen für Klima- und soziale Gerechtigkeit, gegen Faschismus und Militarisierung

Die vielfache Zerstörungskraft in Form von „KI“ und Rechenzentren betrifft eine große Breite an politischen Themen. Das bedeutet, dass viele Bewegungen ihre Kräfte bündeln können im Widerstand gegen den technologischen Angriff. „KI“ und Rechenzentren sind eine der derzeit greifbarsten Manifestationen von Ungleichheit, Profitstreben und ökonomischer Macht. Damit sind sie auch eine Gelegenheit für Bewegungen, alternative, zukünftige Gesellschaftsentwürfe abseits von Markt und Privateigentum zu formulieren und zu gestalten. Viele Anstrengungen stecken noch in einem frühen Stadium, doch ihr Ineinandergreifen könnte ihnen erlauben, sich wechselseitig zu verstärken. Für folgende Bewegungen sehen wir mögliche Ansatzpunkte für Kämpfe rund um Rechenzentren und „KI“.
• Klimagerechtigkeit: Wasserverbrauch, fossile Energien, Bergbau, Flächenverbrauch, Elektroschrott sind alles mögliche Ansatzpunkte. Angesichts zunehmender Dürre in weiten Teilen Europas können zukünftige Kämpfe um die Ressource Wasser einen möglichen Schwerpunkt für Kämpfe gegen „KI“ und Rechenzentren bilden. Reformistische Kosmetik für mehr Effizienz oder „Small AI“ würde die kapitalistische Zerstörung nur stabilisieren und beschönigen.
• Soziale Gerechtigkeit: Denkbar und wünschenswert ist eine Allianz derer, die „KI“ entwickeln, derer, deren Arbeit sie ersetzen soll und derer, deren Bildung durch „KI“ sinnentlehrt wird. Es gibt bereits erste Ausdrücke von Widerstand wie kollektive Ablehnung der Nutzung von Daten für „KI“-Training und Streik gegen „KI“. Entwickler*innen können dazu beitragen, „KI“ zurückzuweisen und zu unterminieren und Universitäten können Orte des Widerstands sein durch kollektive Ablehnung von „KI“. Auch die „KI“-beschleunigte und Verantwortlichkeit verwischende Automatisierung des Sozialabbaus macht Widerspruch erforderlich.
• Antifaschismus: Die Verbindung von politischer und wirtschaftlicher Macht mit antidemokratischen bis faschistischen Ideologien zeigt sich nicht nur in den USA mit Trump mit „KI“-Beschwörern Musk, Thiel und Co. Deren Auswirkungen sind auch hier spürbar und finden Nachahmung, beispielsweise durch Tech-Milliardär Gotthardt, der mit dem „Nachrichtenportal“ Nius faschistoide Propaganda verbreitet. Widerstand zeigt sich bereits gegen Tesla und gegen Nius. Eine antifaschistische Bewegung muss sich mit den ungleichen Bedingungen politischer Öffentlichkeit zugunsten rechter Propaganda auseinandersetzen und nicht nur Nazis, sondern auch eben diese Technologien angreifen.
• Antimilitarismus: Hochrüstung mit „KI“ verspricht effizienteres Töten und trifft auf eine sich neu formierende Antimilitarismusbewegung. Ansetzen kann sie an den vielfältigen Prozesse und Knotenpunkten, in denen sich das Zivile ins Militärische einwebt. Es ist bereits gut dokumentiert, wie vermeintlich soziale Interaktionen das Training militärischer „KI“ füttern und wo militärische „KI“ auch in Berlin an Einfluss gewinnt.
Damit dieser Widerstand ganz natürlich möglichst wenig Anknüpfungsmöglichkeiten für rechte Heimatschützer*innen bietet, sollten wir klare emanzipatorische Inhalte ins Zentrum setzen. Hierbei kann es helfen, früh praktische internationale Solidarität aufzubauen und sich auf die Kämpfe um indigene Terroritorien und solche gegen „KI“-getriebene Datenarbeit zu beziehen.

3) Wirksamer Widerstand durch Vielfalt und Unberechenbarkeit

Die Strategie für Widerstand gegen ein politisches und ökonomisches Großprojekt will gut gewählt sein. Erfahrungen aus der Bewegungsgeschichte deuten darauf hin, dass vielfältige und unberechenbare Kämpfe die größte Wirkung entfalten können.
Ein Beispiel für die gelungene Verschränkung von Aktionsformen und -orten sehen wir bei der Anti-Atom-Bewegung. Sie hatte sich zur Verhinderung der Atomenergienutzung aus strategischen Gründen für den Widerstand gegen Atommülltransporte entschieden: Die abgebrannten Brennelemente mussten regelmäßig in Wiederaufbereitungsanlagen ins Ausland verbracht werden und gemäß internationaler Verträge nach der Wiederaufbereitung zur Endlagerung wieder rückgeführt werden. Die Pläne der deutschen Regierung sahen ein zentrales Endlager für hochradioaktiven Müll in Gorleben vor. Damit gab es zwei Punkte für Interventionen: Erstens, die Atommülltransporte von den Atomkraftwerken in die Wiederaufbereitungsanlagen als Ankerpunkte für (über-)regionalen Widerstand, und zweitens, die Rücktransporte nach Gorleben als Kristallisationspunkt für bundesweite und sogar internationale Bewegungen. Bei diesen Punkten gab es ein Zusammenwirken unterschiedlichster Aktionsformen, die nicht zentral gesteuert, sondern dezentral verantwortet wurden.
Die meisten heutigen Kampagnen haben Vielfalt und Unberechenbarkeit verloren oder sogar bewusst abgelegt. Beispielsweise Deutsche Wohnen Enteignen und Widersetzen sind dazu übergegangen, das Widerstandsszenario möglichst vorhersehbar zu machen. Mit vorgezeichneten Aktionsbildern und der Selbstbeschränkung auf Methoden des (maximal) zivilen Ungehorsams hoffen Organisator*innen auf mehr Teilnehmende. Dadurch fehlt bei größeren Ereignissen immer öfter jeglicher Kontrollverlust für die Ordnungskräfte. So wird es schwierig, praktische Möglichkeitsräume und damit neue gesellschaftliche Denkräume aufzustoßen. Den Wirkungsverlust sehen wir auch klar im Kampf gegen große Wohnungskonzerne, wenn der politische Gegner die legalistische Kampagne durch neue Gesetze einfach aushebelt.
Für eine vielfältige und unberechenbare Bewegung gegen „KI“ und Rechenzentren wäre folgendes denkbar: Kristallisationspunkt könnte z.B. ein in der Bedeutung herausragendes Rechenzentrum und/oder der europaweit größte Hochleistungs-Chiphersteller ESMC in Dresden sein. Auch der Lithografiemaschinen-Hersteller ASML in Eindhoven mit seiner weltweit technisch wie geostrategisch einmaligen Position als Flaschenhals der Chipproduktion könnte ein Kristallisationspunkt einer gesamt-europäischen Bewegung werden. Alle, die wir der Kohleverstromung im Gelände ein Ende bereiten, die wir uns den Rechten widersetzen, die wir Rheinmetall entwaffnen, die wir Vonovia/Deutsche Wohnen enteignen wollen: Hören wir auf zivil-und-gehorsam zu sein und beginnen wir unberechenbaren Widerstand zu leisten. Schließen wir uns mit denen zusammen, die sich in weniger sichtbaren Zusammenhängen organisieren und mit denen, die aus guten Gründen noch nie sichtbar waren.
Bilden wir Banden statt nur Bezugsgruppen, verbinden wir autonome Spontanität mit Kampagnenarbeit, seien wir unberechenbar und nehmen wir solidarisch aufeinander Bezug. Drängen wir gemeinsam „KI“ aus unseren Alltagsroutinen und unserer politischen Praxis und blockieren wir ihre zerstörerische Materialität in Rechenzentren!

Hier das Diskussionspapier als pdf:
https://noderesist.de/wp-content/uploads/2026/10/Nodes-Diskussionspapier-KI-RZ-Layout-DE.pdf

Weitere Ressourcen:
– Konferenz am 7. November 2026 zu „KI“ und Rechenzentren: https://noderesist.de/wp-content/uploads/2026/09/2026-11-07_Einladung_Konferenz_Rechenzentren_GL_NoR.pdf
Debattenpapier von Aufstände der Allmende: https://aufstaendederallmende.org/wp-content/uploads/2026/07/Debattenpapier_SW.pdf
– capulcu zu „KI“-Kritik: https://capulcu.nublogs.org/neue-texte/band-vi-kritik-an-ki/
– Structural Integrity zu „KI“/Ungleichheit, „KI“ nach dem Kapitalismus und „KI“-Blase: https://www.structural-integrity.eu/crashing-hard-why-talking-about-bubbles-obscures-the-real-social-cost-of-overinvesting-into-artificial-intelligence/ https://www.structural-integrity.eu/is-there-a-need-for-ai-after-capitalism/ / https://www.structural-integrity.eu/ai-is-automated-inequality/
– Manifesto 2.0 der Cables-of-Resistance-Konferenz: https://de.indymedia.org/node/855763

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