Mit Kameras und Nato-Draht die Stromleitungen schützen
rbb 24 : Mit Kameras und Nato-Draht die Stromleitungen schützen
Fr 13.02.2026, 18:17 Uhr
Von Boris Hermel und Sebastian Schöbel
Ein lauter und langanhaltender Alarmton unterbricht die friedliche Ruhe in der Kleingartensiedlung Zukunft am Teltow-Kanal. Er kommt von zwei hohen Masten mit blau und rot blinkenden Kameras. Die Videotechnik schützt die Baustelle an Berlins wohl berühmtester Stromkabelbrücke. Hier hatten die Attentäter einer sogenannten Vulkangruppe am frühen Morgen des 3. Januar den Brand gelegt, der 45.000 Haushalte in Zehlendorf und Wannsee für rund viereinhalb Tage vom Strom abschnitt.
Die Kameras wechseln in den Alarmmodus, sobald sich Unbefugte auf der Baustelle bewegen. Über Lautsprecher können Mitarbeitende der angeschlossenen Sicherheitsdienstzentrale laute Ansagen an die ungebetenen Besucher loslassen. „Über die Kameradetektion können wir einschätzen: Jetzt wird’s wirklich brenzlig, und dann dafür sorgen, dass die Intervention stattfindet, also Sicherheitspersonal von uns und im Zweifel auch die Polizei dann rausfährt“, erklärt Thomas Rütting, einer der Krisenstabsleiter von Stromnetz
Stromnetz sieht Paradigmenwechsel
Zuletzt hatte es Kritik gegeben, die Baustelle sei vor dem Anschlag nicht ausreichend geschützt gewesen. Stromnetz hat nun nicht nur bei der Videotechnik aufgerüstet. Die Zäune an der Lichterfelder Baustelle sind inzwischen mit rasiermesserscharfen Nato-Drahtschleifen verstärkt. In einem Bauwagen wachen rund um die Uhr zwei Sicherheitsleute über die provisorisch reparierten Hochspannungsleitungen, die den Strom nach fünf Tagen Ausfall zurückgebracht hatten.
„Wir sprechen ehrlicherweise von einem Paradigmenwechsel“, sagt Stromnetz-Manager Rütting. „Wir haben jetzt eine Situation, wo Tätergruppen mit sehr hohem Angriffspotenzial, mit einer hohen Wirksamkeit versuchen, unsere Anlagen massiv zu schädigen.“ Deshalb verstärkt das Unternehmen die Sicherheit jetzt an allen sogenannten „neuralgischen“ Punkten des Netzes. Gemeint ist das eine Prozent der rund 35.000 Kilometer Stromkabel und -leitungen, das über der Erde verläuft, sei es über Freileitungen oder über Kabelbrücken. Wieviele Punkte das genau sind, behält Thomas Rütting aus Sicherheitsgründen für sich.
Ortswechsel: ein Umspannwerk an der Großbeerenstraße zwischen Mariendorf und Marienfelde – eingehaust in einem festen und fast fensterlosen Klinkerbau, und trotzdem auch einer der „neuralgischen“ Punkte. Hier kommt der Strom mit 110.000 Volt Hochspannung von oben aus den Schaltanlagen und wird im riesigen Transformator auf 10.000 Volt Mittelspannung runtergewandelt. Von hier wird der Strom dann weiter an die Ortsnetzstationen und schließlich in die Häuser verteilt.
Auch hier sind die gleichen Videotürme aufgebaut wie in Lichterfelde. Die zwei Meter hohen Zäune sollen nun um 40 Zentimeter erhöht, mit Überklettersschutz und Nato-Draht verstärkt werden. Das gilt für alle Umspannwerke in Berlin. „Das wird natürlich das Stadtbild verändern“, sagt Rütting. „Gleichwohl wünschen wir uns nicht nur die Genehmigung sondern auch eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz.“
Stromausfall in Berlin
Netz wird entflochten
Ein anderes Projekt für mehr Sicherheit gegen folgenschwere Anschläge verfolgt Stromnetz Berlin schon länger: Das Kabelnetz wird aufwändig entflochten, also neu verteilt. So soll vermieden werden, dass sich an einer Stelle besonders viele kritische Leitungen, an denen Tausende Haushalte hängen, bündeln. Am Anschlagsort an der Kabelbrücke in Lichterfelde lief dieser Prozess schon länger. Ein Teil der Kabel war bereits verlegt worden. Dadurch, so Thomas Rütting, „waren die Auswirkungen des Anschlags, so gravierend sie waren, nicht so schlimm, wie sie hätten vor ein paar Jahren noch sein können.“
Einen Paradigmenwechsel wünscht sich Stromnetz auch bei den Regeln zur Veröffentlichung von Leitungs- und Kabelwegen. Mit der Transparenz, gerade auch für Daten von öffentlichen Unternehmen, soll nach den jüngsten Erfahrungen aus Sicht von Krisenstabsleiter Rütting Schluss sein. Das gelte vor allem für den geplanten großangelegten Ausbau des Netzes. Im nächsten Jahrzehnt soll die Leistung von derzeit 2,1 Megawatt auf 4,5 Megawatt mehr als verdoppelt werden. „Wo die neuen Kabel verlaufen, wo sie zusammengehen“, sagt Rütting, „das ist ein Thema, das dann nur noch die Menschen wissen müssen, die damit täglich zu tun haben, aber nicht die gesamte Gesellschaft in der Stadt Berlin.“
Ziel: Keine Freileitungen mehr
Die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen sind auch am sogenannten Endmast in Johannisthal nicht zu übersehen. Hier verübte eine mutmaßlich anarchistische Gruppe im vergangenen September einen Brandanschlag, der Stromausfall dauerte 60 Stunden. Die Freileitungshochspannungskabel, die hier in der Erde verschwinden, sind erst seit kurzem wieder repariert. Ohne Videotürme und Sicherheitspersonal geht nichts mehr. Selbst die Masten im Wald, die die Leitungen zum Endmast führen, werden inzwischen mit besonderen Überwachungseinheiten geschützt. die ähnlich wie Wildkameras in alle Richtungen blicken und bei Bewegung aufzeichnen.
Bis in die 2030er Jahre sollen die Freileitungsmasten in Berlin ohnehin komplett verschwinden, die Kabel stattdessen unter der Erde liegen, erklärt Rütting. Damit würden die „neuralgischen“ Punkte des riesigen Berliner Stromnetzes dann endlich weniger werden.
Sendung: rbb24 Inforadio, 13.02.2026, 10:25 Uhr