(Sozial-)autoritäre Tendenzen in linken Kreisen oder Kommunistruck?

In einem Artikel, den ich vor etwa einem bis eineinhalb Jahren geschrieben habe, hatte ich folgenden Satz eingebaut:

„Ich sehe, dass die Palästina-Frage viele Leute mobilisiert hat, neue Kreise, neue Leute auf eine – für mich – intersektionale Art und Weise. Natürlich gab es diesen Trend schon vorher, aber die Palästina-Frage war ein Auslöser, sie hat die Sichtbarkeit dieser Gruppen erhöht. Einige Gruppen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft (Staatsangehörigkeit, Geschlecht, Hautfarbe usw.) begannen, klare queere, antikoloniale, grenzenlose, anti-ableistische, ökologische, antikapitalistische, antirassistische und pro-palästinensische Positionen zu vertreten.“

Im Großen und Ganzen denke ich eigentlich immer noch positiv darüber, aber neben all diesen positiven Tendenzen habe ich auch angefangen, negative Tendenzen zu erkennen.

Die Gewohnheit und Kultur der Diskussion sowie unterschiedliche Stimmen sind in vielen linken Kreisen fast vollständig verschwunden. Schlimmer noch: Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Leute überhaupt anders denken oder ob sie an bestimmten Punkten Einwände oder Fragezeichen haben, selbst wenn es nur in ihren Köpfen ist. Jede Person bemüht sich, nicht aufzufallen und nicht zu stören, und versucht, andere so weit wie möglich zu unterdrücken und ihre Stimme zu dämpfen, damit sie nicht auffallen. Das wirkt ein bisschen dystopisch für mich.

Es gibt keine Diskussion, sondern nur ständiges Wiederholen. Warum wiederholen die Leute ständig dieselben Dinge – sowohl im Alltag als auch im politischen Bereich auf der Straße und im politischen Bereich online? Tun sie das als politische Methode, damit eine Kampagne ins Auge fällt, damit die Leute einen Kampf ununterbrochen unterstützen und nicht zu anderen Kämpfen abwandern? Kann man das als Propaganda sehen?

Außerdem scheinen Fähigkeiten und Praktiken wie die Fähigkeit, ein Thema aus der Perspektive eines anderen oder mit einer gewissen Distanz zu betrachten, es mit einem anderen Thema oder einer anderen Situation zu vergleichen oder eine Situation ruhig zu analysieren, fast völlig erschöpft zu sein. Kann man diese Situation als Mangel an Empathie oder als übertriebene Parteilichkeit bezeichnen?

Außerdem wird jedes Thema ständig instrumentalisiert. Haben wir nicht ständig andere Ideologien dafür kritisiert, dass sie bestimmte Themen instrumentalisieren?

Warum haben diese Praktiken und Diskursen zugenommen? Es fällt mir schwer, die richtige Antwort zu finden, aber mir fallen trotzdem ein paar Dinge ein. Eine Erklärung wäre für mich das Wiederaufleben kollektivistischer und autoritärer linker Tendenzen als Reaktion auf den individualistischen und gemütlichen linken Diskurs und Praxis der letzten Jahrzehnte(n). Ein weiterer Grund sind die scharfen, kantigen Ansätze, die keinen Raum für Hinterfragen lassen und als Reaktion auf „Grauzonen“ und die Einstellung „Nichts ist nur schwarz oder weiß“ entstanden sind. Dazu kommt natürlich auch die historische Situation in Deutschland, wo der stark staatsorientierte Linke zwar einen starken Staat will, aber eben einen, der auch links ist. Oder einfach wirken sich die allgemeinen Tendenzen zur Autoritarisierung auch auf linke Kreise aus?

Auch wenn ich sowohl beim Staat als auch in der Gesellschaft eher die linke Variante bevorzuge, möchte ich weder einen starken Staat noch eine repressive Gesellschaft als Ideal oder Utopie. Und ich möchte auch nicht in einem System oder einer Gesellschaft leben, in der diese autoritären linken Kreise an der Macht sind, an der Staatsführung beteiligt sind oder sehr mächtig sind.

Eine autoritäre Herrschaft und Gesellschaft nach der Revolution?

Ich glaube, dass große Veränderungen bevorstehen, doch sind viele linke Kreise weit entfernt von libertären, anarchistischen, autonomen und auf Konsens basierenden Ansätzen. Das heißt, ich bin in letzter Zeit voller Hoffnung wegen der Veränderungen, die ich für bevorstehend halte, mein Selbstvertrauen ist groß – es fühlt sich an, als wären dies die letzten Jahre des derzeitigen Systems –, aber ich habe auch Zweifel hinsichtlich des Systems, das an seine Stelle treten wird.

Ich denke also, genau wie alle anderen, dass die Wahrscheinlichkeit eines faschistischen und autoritären Systems viel höher ist, aber ich fürchte mich auch vor einem neokommunistischen autoritären System, das als Alternative oder parallel zu diesem faschistischen und autoritären System errichtet werden könnte.

Und während ich wirklich glaube, dass dieses neokommunistische autoritäre System die Diskriminierung verschiedener Identitäten und Körper reduzieren wird, glaube ich gleichzeitig, dass es alle libertären, auf Konsens basierenden Ansätze – unabhängig von Identität und Körper – im rechtlichen Bereich und vor allem im gesellschaftlichen Bereich stark unterdrücken wird.

Nicht in der Zukunft; ich sehe das heute auf den Straßen, im Alltag und online in verschiedenen Kreisen, und ich habe Angst davor – diese Angst hat mich dazu gebracht, diesen Text zu schreiben.

Ich will die Diskussion fortsetzen und unterschiedliche Gedanken und Stimmen hören. Natürlich auch an anderen Orten und in anderen Bereichen, aber besonders in linken Kreisen und Räumen.

passiert am 06.06.2026