Aserbaidschanicher Anarchist tot aufgefunden in Istanbul

Bayram Mammadov ist tot. Nachdem der aserbaidschanische Regimegegner am 2. Mai von Freunden als vermisst gemeldet wurde, hat die Polizei am 5. Mai seinen Leichnam aus dem Meer vor Istanbul geborgen. Die Umstände seines Todes sind ungeklärt. Die Regierung in Baku lässt das unbelegte Gerücht verbreiten, dass es sich um Selbstmord oder einen drogenbedingten Unfall handle. Die türkischen Behörden haben sich dem ohne ernsthafte Untersuchung angeschlossen.

Bayram wurde international bekannt, als er 2016 zusammen mit seinem Freund Giyas Ibrahimov am Nationalfeiertag das Denkmal für Ex-Präsident Heydar Aliyev mit den Slogans „Fuck the System“ und „Alles Gute zum Sklaventag!“ versah.1 Der Nationalfeiertag heißt „Blumentag“, im Aserbaidschanischen genügt das Tauschen von zwei Buchstaben, um hieraus das Wort „Sklaventag“ zu machen. Noch in der selben Nacht wurde die beiden verhaftet. Die Polizei schob ihnen Heroinpakete unter und ließ zu 10 Jahren Gefängnis verurteilen2, da sie es ablehnten, sich beim bemalten Denkmal öffentlich zu entschuldigen.3

Die beiden lösten eine weltweite Protestbewegung aus. Das aserbaidschanische Regime unter Ilham Aliyevs bezahlt Städte in anderen Ländern dafür, dass diese Denkmäler für Heydar Aliyev aufstellen.4 Auf diesen Denkmälern tauchten weltweit die Slogans „Fuck the system“ und „Alles Gute zum Sklaventag“ in den jeweiligen Landessprachen auf. Auch in Berlin solidarisierten sich Streetart-Künstler*innen mit Bayram und Giyas und platzierten vor der Botschaft Aserbaidschans Adbustings, die die veränderte Statue und einen Aufruf zur Solidarität zeigten.5

Im Rahmen einer Amnestie wurden Bayram und Giyas nach drei Jahren Haft und Folter 2019 entlassen. Beide weigerten sich erneut, sich zu entschuldigen oder sich für die Begnadigung zu bedanken. Beide wurden anschließend mehrmals erneut verhaftet oder inhaftiert, weil sie das Regime erneut kritisierten oder den Kriegsdienst verweigerten. 6

Bayram hatte eine Zulassung für eine Prager Universität erhalten. Sein Studium sollte zum Wintersemester beginnen, er war am Lernen der Sprachen Englisch und Tschechisch. Für seine Angehörigen Bayrams ist besonders belastend, dass die Umstände seines Todes aufgrund der Weigerung der türkischen Regierung, eine ernstzunehmende und nachprüfbare Untersuchung durchzuführen, vermutlich nie aufgeklärt werden.

1         https://anca.org/heydar-aliyevs-statue-in-baku-vandalized/

2         https://www.derstandard.at/consent/tcf/story/2000049002964/demokratieaktivist-in-aserbaidschan-zu-zehn-jahren-haft-verurteilt

3         https://www.amnesty.de/briefe-gegen-das-vergessen/2016/6/aserbaidschan-bayram-mammadov-und-giyas-ibrahimov

4         Gasimov, Zaur: Exportware Personenkult.  Der Personenkult um Heydar Aliyev. In: Osteuropa, Heft 7-10, 2015. S. 599-612.
5         http://maqui.blogsport.eu/2017/01/28/berlin-solidarische-adbusting-gruesse-nach-baku/

6         https://www.amnesty.at/mitmachen/actions/aserbaidschan-aktivist-erneut-inhaftiert/

passiert am 12.05.2021