Saboteure treffen sich in Tatortnähe, legen Erddepots an und flüchten mit dem Fahrrad

Welt konnte interne Polizeieinschätzungen einsehen, die erstmals ein konkretes Täterprofil und mögliche Vorgehensweisen der linksextremen Berliner Stromsaboteure beschreiben.

Die Berliner Polizei nimmt neue Drohungen gegen das Stromnetz der Hauptstadt deutlich ernster als bislang öffentlich bekannt. Das geht aus internen Unterlagen hervor, die WELT exklusiv einsehen konnte. Darin wird ein entsprechender Aufruf aus der linksextremen Szene nicht nur als authentisch bewertet, sondern ausdrücklich als „sehr ernst“ eingestuft.

Auslöser ist ein Beitrag vom 8. Mai dieses Jahres auf der linksextremen Internetseite Indymedia mit dem Titel „Cut the Power, so we can see the stars“. Darin beziehen sich die anonymen Verfasser auf frühere Sabotageakte gegen die Energieversorgung in Berlin und stellen diese in einen politischen Zusammenhang aus Antimilitarismus, Staatskritik und Protest gegen polizeiliche Maßnahmen. Zudem zeigen sich die Verfasser solidarisch mit Betroffenen einer Polizei-Razzia gegen die linksextreme Sabotageszene Berlins. Der Beitrag verbinde anarchistische, „technikfeindliche, antimilitaristische und antistaatliche Inhalte“ mit einer positiven Darstellung von Sabotage und direkten Aktionen.

Am 9. Mai 2026 wurde der Beitrag zudem auf der englischsprachigen linksmilitanten Plattform „Act for Freedom Now!“ unter der Überschrift „Germany: Solidarity with the comrades hit by repression on 24.3.26“ erneut veröffentlicht. Beide Veröffentlichungen enthalten ein identisches Plakat: Zu sehen ist ein Sternenhimmel auf schwarzem Grund, darunter eine fahrradfahrende, dunkel gekleidete Figur in einem Wald, die ein Banner mit der Aufschrift „SA-BO-TAGE“ trägt. Besonders hervorgehoben wird ein Vers am Ende des Plakats, der ein nächtliches Stadtszenario beschreibt und von Ermittlern als unterschwellige Andeutung möglicher „direkter Aktionen“ im urbanen Raum interpretiert wird.

Öffentlich hatte die Polizei bislang zurückhaltend reagiert und lediglich von „möglichen, bislang unspezifischen Bedrohungsszenarien“ gesprochen. Intern fällt die Bewertung jedoch deutlich konkreter aus. In den Unterlagen heißt es, dass entsprechende Aktionen aus dem Spektrum der militanten linken Szene weiterhin „wahrscheinlich“ seien. Besonders im Fokus stehen demnach Ziele aus dem Bereich der kritischen Infrastruktur. Nach Informationen dieser Redaktion wurden im gesamten Stadtgebiet Sicherheitsmaßnahmen hochgefahren, um kritische Infrastruktur zu sichern.

Neben Energieanlagen zählen dazu auch Einrichtungen von Sicherheitsbehörden, Justiz, Rüstungsunternehmen sowie Technologie- und Logistikfirmen. Explizit genannt werden unter anderem Strommasten, Verteilzentren oder Kraftwerke. Die Auswahl der Ziele erfolge laut den internen Papieren häufig kurzfristig und orientiere sich an Gelegenheiten sowie an aktuellen politischen Anlässen.

Erstmals beschreiben die Ermittler in den Unterlagen auch detailliert den mutmaßlichen Modus Operandi der Stromterroristen. Demnach gehen die Behörden davon aus, dass Angriffe überwiegend von kleinen, konspirativ agierenden Gruppen von drei bis acht Personen durchgeführt werden. Diese bewegten sich in der Regel in der Nacht, bevorzugt zwischen 1 und 5 Uhr. Die Saboteure würden gezielt auf unübersichtliche Tatorte setzen. Das war zuletzt auch bei der Attacke auf die Berliner Stromversorgung Anfang des Jahres im Südwesten der Stadt der Fall, wie interne Einsatzprotokolle zeigen, die diese Redaktion ebenfalls einsehen konnte.

Die Beteiligten treten demnach bevorzugt dunkel gekleidet und vermummt auf und bewegen sich auf Fahrrädern fort. Sie tragen Handschuhe, Mützen, Kapuzen und Mundschutz, häufig in einem sogenannten „Action-Outfit“. Auffällig sei auch der Einsatz von Wechselkleidung im Anschluss an die Tat, um Spuren zu verwischen. Als typische Ausrüstung nennen die Ermittler neben Fahrrädern zur unauffälligen Fortbewegung auch Rucksäcke, Taschen und Kommunikationsmittel. Darin befänden sich Funkgeräte, „Brandlegungsmittel“, Kabelbinder, Kleinpflastersteine oder ähnliche Wurfgeschosse, Feuerlöscher und Handys.

Die Vorbereitung erfolge konspirativ: Treffpunkte liegen häufig in Parks oder schwer einsehbaren Bereichen in Tatortnähe, von wo aus sich die Gruppen in Zugriffsteams, Aufklärer und Absicherungsteams aufteilen. Tatmittel würden zum Teil Wochen vorher in Erddepots vergraben. Auch die Flucht werde auf festen Routen vorab geplant und führe oft mit Fahrrädern gezielt über Grünanlagen, Baustellen oder andere schwer zugängliche Wege, um eine Verfolgung durch Einsatzwagen der Polizei zu erschweren. Nach Angaben aus Polizeikreisen würden die Täter bei der Flucht zum Teil erhebliche Wegstrecken zurücklegen.
Die Behörden sehen darin ein wiederkehrendes Muster. In der Vergangenheit hatte es bereits eine Reihe von Brandanschlägen und Sabotageakten gegeben, die sich gegen staatliche Einrichtungen, Unternehmen oder kritische Infrastruktur richteten.

Konkrete Hinweise auf unmittelbar bevorstehende Anschläge liegen laut den Unterlagen derzeit zwar nicht vor. Dennoch gehen die Sicherheitsbehörden von einer fortbestehenden abstrakten Gefährdung aus. Gerade die wiederholte Bezugnahme auf kritische Infrastruktur, Technologieunternehmen und staatliche Einrichtungen in entsprechenden Veröffentlichungen wird als Indiz dafür gewertet, dass diese Bereiche weiterhin im Fokus stehen. So sei etwa von vereinzelten Brandstiftungen an Fahrzeugen und Objekten auszugehen.

Die Polizei hat ihre Maßnahmen auch mit Betreibern kritischer Infrastruktur abgestimmt. So würden etwa Einsatzkräfte sensibilisiert. Insbesondere im Umfeld relevanter Anlagen achten Beamte verstärkt auf verdächtige Personen oder Gruppen, die sich auffällig verhalten oder sich in der Nähe potenzieller Ziele aufhalten.