Zu: Unsere Antwort auf die Razzien: Öffnung statt Abgrenzung

Mit viel Freude habe ich euren Text gelesen. Dieser hat mich auf mehreren Ebenen berührt – und ich habe ein paar Gedanken und Gefühle dazu, die vielleicht sinnvoll sind.

Wir werden in Zukunft massenweise aufgefordert sein, unsere eigenen staats -und kapitalunabhängigen Netzwerke der gegenseitigen Hilfe zu gründen. Das politische System wird nichts für uns bereithalten.

„Das historische Ende einer Epoche wird so behandelt, als könne alles einfach immer weiter verlängert werden. Dabei gerät alles Zivilisatorische des politischen Systems des Kapitalismus unter die Räder.“ ( https://knack.news/13846 )

Wenn nun linke Strukturen sich öffnen, werden sie von der Nachbarschaft wegen ihrer Fähigkeit angenommen, materielle Grenzen zu überwinden. Nicht (!!!) weil die Ideologie theoretisch überzeugt.

Das halte ich für einen extrem wichtigen Punkt.

Phil Neel hat in „Die Theorie der Partei“ geschrieben:

„Herkömmliche Ansätze zur Frage der Organisation gehen in der Regel davon aus, dass Handeln aus individuellen moralischen oder politischen Überzeugungen resultiert. Diese Ansätze sind insofern „diskursiv“, als sie davon ausgehen, dass politischem Handeln der intellektuelle Vorschlag eines bestimmten Programms vorausgeht. Mit anderen Worten: Es wird angenommen, dass Menschen durch Gespräche, Polemik oder Propaganda davon überzeugt werden, bestimmte politische Ideen zu übernehmen, und dass diese Ideen dann die Übernahme bestimmter strategischer Orientierungen und damit verbundener taktischer Praktiken implizieren. Die Geschichte zeigt jedoch genau das Gegenteil: Politische Positionen entstehen eher aus taktischem Handeln als aus der diskursiven Durchsetzung moralischer oder ideologischer Argumente.

Das Programm an die erste Stelle zu setzen, ist daher rückständig und führt in der Praxis oft zu einer Form der Desorganisation. In Wirklichkeit entsteht Organisation durch die praktische Überwindung materieller Grenzen, wobei ihre intellektuellen, ästhetischen und ethischen Verpflichtungen im Hintergrund bleiben. Mit anderen Worten: Menschen treten nicht en masse Organisationen bei, unterstützen sie oder übernehmen ihre politischen Positionen, Symbole und allgemeinen Einstellungen, weil sie mit ihnen übereinstimmen. Sie tun dies, weil diese Organisationen Kompetenz und Stärke zeigen.“ ( https://bonustracks2.noblogs.org/post/2025/09/07/theorie-der-partei/ )

Zur Verbreitung der gegenseitigen Hilfe:

Das Aufkommen von Solawis, Gemeinschaftsgärten, Nachbarschafts-Verschenke/Teil-Gruppen, Direkte-Hilfe Messenger, gemeinschaftlicher Dorfkneipen usw…. ist – möglicherweise -nur der Anfang dieser Entwicklung.

Diese Entwicklung wird aufgrund der sozialen und kapitalistischen Widersprüche passieren und nicht weil autonome Gruppen diese Entwicklung verursachen. Aber die autonome/anarchistische Bewegung kann einen relevanten und unersetzlichen Beitrag leisten, in dem sie als sozial-revolutionärer Flügel in diesen Prozessen ins kollektive Handeln und Denken kommt.

Das könnte auch bedeuteten den revolutionären Horizont (wieder) aufzureißen.

Das also z.B. eine Nachbarschaftsgruppe keine bürgerliche, staatstreue Elendsverwaltung bleibt sondern antikapitalistische, antipatriarchale Impulse bekommt. Weniger durch einen Diskurs. Sondern in dem aufgezeigt wird – ohne dass aufgezwungen wird – dass kommunistische Praxis besser funktionieren kann.

Dazu fallen mir die 7 Prinzipien der Zapatistas ein:

– gehorchen, nicht befehlen
– aufbauen, nicht zerstören
– vorschlagen, nicht bestimmen
– überzeugen, nicht aufzwingen
– repräsentieren, nicht ersetzen
– dienen, ohne sich zu bedienen
– nach unten gehen, statt nach oben streben

Mit kommunistischer Praxis meine ich z.B. folgendes:

– dass die Nachbarschaftsgruppe mit Konsens-Prinzipien entscheidet, ein solidarisches Verteilsystem für Geld aufbaut, dass Autos oder Fahrräder kollektiv besitzt und genutzt werden …usw…

– dass eine Solawi anders aufgebaut ist als ein Biohof mit Abokiste. In einer Solawi gehören die Geräte allen gleichermaßen und es wird oft im Konsens entschieden.

Das kann man natürlich noch nicht als Kommunismus bezeichnen. Diese Organisationsformen sind eher mutualistisch (1), doch sie schaffen die Basis für kommunistische Beziehungen und vervielfältigen diese. Mit kommunistischen Beziehungen ist nicht eine ferne, mögliche Utopie gemeint sondern die Art und Weise wie wir uns jetzt und hier begegnen und organisieren. Kommunismus lebt jetzt gerade schon ! auf vielfältigen Ebenen.

Die spannendste Herausforderung ist wie bei all diesen kollektiven Organisationsformen gewährleistet ist, dass Menschen langfristig dabei bleiben können. Wie Care Arbeit verteilt wird. Dafür brauch es materielle Sicherheit die gemeinschaftlich und verbindlich organisiert sein muss. Idealismus trägt nur ein paar Jahre. Es ist kein Zufall dass viele Menschen ab mitte ~ 30 die Szene verlassen (müssen) um ihren Arsch an die Wand zu kriegen und / oder Kinder zu versorgen.

Eine kommunstische / anarchistische Welt kann in der Hülle der Alten aufgebaut werden.

Das wars auch schon was ich schreiben wollte.

Solidarische Grüße,

xxx

(1) (Anti-)Politik im mutualistischen und kommunitären Anarchismus
https://www.untergrund-blättle.ch/politik/theorie/antipolitik-im-mutualistischen-und-kommunitaeren-anarchismus-7469.html

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Unsere Antwort auf die Razzien: Öffnung statt Abgrenzung

https://de.indymedia.org/node/729469

von: Borderless Collective am: 17.04.2026

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