Génération Niketout¹
„Uns bleiben noch ein paar Gramm Leben, und wir werden alles geben“
Was lachen wir doch gut in euren tristen Straßen angesichts eurer bestürzten Gesichter beim Anblick unserer Lagerfeuer. Versteht uns nicht falsch, liebe Zuschauer, in unseren Handlungen steckt viel Angst, mehr als Verzweiflung oder Hass. Jeder Ausbruch von Unruhen ist ein Würfelwurf direkt ins Gesicht eurer Republik. Wir wissen, dass es hart werden wird, und wir nehmen den offenen Konflikt in Kauf.
Wir wissen nicht, was die Zukunft bringen wird, und wir ahnen, dass die dunklen Tage nur mehr werden. Wir wissen nicht einmal, gegen was oder wen wir uns aufregen sollen, und eure Bullen sind uns scheißegal.
Die Macht ist unpersönlich, also werden wir alles zerstören, auch wenn wir verstanden haben, dass die Gebäude, die die Bullen schützen, und die gesicherten städtischen Gebiete genau die Orte sind, an die man gehen muss. Wir werden nicht aufhören, solange eure Bullen oder eure Soldaten uns nicht mit Kugeln beschießen … und wir ahnen sehr wohl, dass es bald aus dem Ruder laufen wird – es läuft bereits aus dem Ruder.
Wir wissen nur, dass in eurem beschissenen System etwas nicht stimmt und dass es den Bach runtergeht. Wir haben einfach keine Lust, mit ihm unterzugehen, und wir werden alles geben. Kennst du dieses Gefühl, bei dem sich ein Knoten im Magen bildet und man vor lauter Beklemmung am liebsten aus voller Kehle schreien möchte? Dein Beton? Deine Kameras? Deine Bullen? Deine Anordnungen? Deine Werbung? Deine beschissene Zukunft? Das muss es sein – wir brauchen Luft.
Wir, die Niemande, die kleinen Nervensägen, die Pissköpfe, die Hungerleider, ‘les shlags’ [2], die „Autonomen“, die „Ultra-Linken“, die Randalierer, das Gesindel – an diesen Demonstrationstagen lassen wir all diese Frustration raus.
An Tagen, an denen es nach Tränengas riecht, befreit uns das vom Dogma; es lässt uns leben, wenn wir spüren, dass alles ins Wanken gerät. Die blassen Gesichter deiner Marionetten im Fernsehen, die die Worte der Machthaber nachplappern, sagen uns viel über den Verfall deiner Marionettenrepublik aus. Jetzt wissen wir, dass deine Festungen nicht uneinnehmbar sind! Und je öfter sich die Bilder wiederholen, desto mehr wird uns klar, dass wir kurz davor stehen, alles in die Luft zu jagen.
Auf der Straße lieben wir uns nicht besonders. Wir sind keine „Genossen“ oder „Brüder“ oder sonstiger linker Quatsch dieser Art, aber dieses verrottete System hat uns an denselben Ort gebracht, zu denselben Praktiken und mit einer gewissen Piraten-Komplizenschaft in deiner Welt, und wir alle teilen eine gewisse Vorliebe für Piraterie und den Wunsch nach einem Tapetenwechsel.
Es stimmt, dass wir ein paar Beutezüge nicht verschmähen, die wie eine kleine Belohnung für die Risiken sind, die wir eingehen. Aber mit drei Lacoste-Poloshirts und einem Paar TN-Schuhen werden wir noch lange nicht zur Ruhe kommen. Das macht uns nur etwas weniger nervös und gibt uns das Gefühl, ein bisschen in deiner Stadt mitgearbeitet zu haben, die uns das ganze Jahr über Waren vor Augen führt, die wir uns nicht oft leisten können.
Es ist Weihnachten! Und wie so oft nach den Feiertagen ist der Kater am nächsten Tag heftig, weil sich eigentlich nichts geändert hat. Wenn der Adrenalinschub vorbei ist, sagt man sich, dass man es besser hätte machen können und dass der nächste Aufstand der wirkliche sein wird. Man fragt sich sogar, wann man vor deinen Smith-Agenten [3] nicht mehr fliehen muss.
Live vom Ende der Welt – oder besser gesagt: von dieser Welt – werden wir weiterhin ganz gemächlich Chaos stiften und dort zuschlagen, wo ihr uns am wenigsten erwartet.
Fürchtest du immer noch um deinen Platz in diesem verrotteten System? Du glaubst noch ein bisschen daran, oder? Gib’s zu! Stellst du dir vor, wie du in 10, 20, 30 Jahren gemütlich deine Rentenbeiträge zahlst, für einen Platz an der Sonne, um Krebs oder Krieg zu entkommen? Wenn du immer noch an diesen ganzen Mist glaubst, dann haben sie dich gut reingelegt und du bist erledigt. Du bist nur eine kleine Schachfigur in der Reservearmee der bestehenden Ordnung, du bist reif für die Gaskammer der Banker à la „Soylent Green” [4], den Krematoriumsofen des Kapitals, das Lager des Konsums von Leclerc! [5]
Und wir wollen nicht so enden wie du!
Mit der Kraft unserer kleinen Schwärme, ohne Strategien und völlig unorganisiert, haben wir seit 2018 mit den Gelbwesten verstanden, dass wir die Oberhand gewinnen und dich destabilisieren können. Tausende von Schwärmen, die von überall her zuschlagen. Wir mussten uns an diesem 17. Oktober wiederfinden und unsere Entschlossenheit erkennen. Und jetzt, wo alles in Flammen steht, wird es nicht an Gelegenheiten mangeln, die Widerstandsfähigkeit deiner Mauern auf die Probe zu stellen.
Die Praxis des Aufruhrs, die Gesten des Aufruhrs, die Kleidung des Aufruhrs sind mittlerweile allseits verbreitet. Schwarze Jogginghosen liegen für alle im Trend! Machen wir weiter so und vertrauen wir auf diese Intelligenz der Massen – sie haben gezeigt, dass sie ohne nachzudenken verstehen, wie der Schwarmflug der Stare.
Eine Kultur des „Zbeul“ [6] ist mittlerweile fest verankert, die über die Kleidung und die Botschaften an den Wänden hinausgeht und in Wirklichkeit die Negation in Aktion ist, die wieder an die Oberfläche kommt. Sie lässt sich nicht vereinnahmen, denn sie ist ein Vatermord an den früheren Generationen, vom Typ Bernard Tapie, dem „Golden Boy“ mit der Zigarette im Mundwinkel und der Sorglosigkeit der Kaufhäuser. Wir rächen uns an diesem Erbe, das uns Leukämie und 50 °C im Sommer bescheren wird. All euer zurückgelassener Mist ist doch ein paar brennende Barrikaden wert, oder?
Aber genau das verspricht weitere schöne historische „Erschütterungen“ oder sogar revolutionär gesehen interessante Momente. Es bedarf weder eines Handbuchs noch eines Plans bzw. eines Maximo Leaders, um die gesichtslosen Massen zu lenken. Denn ob Geschäfte nun zerstört werden oder nicht: Das Übel der Demokratie betrifft den größten Teil der Jugend, die nicht mehr daran glaubt und die in drei Wochen Blockaden intensiver gelebt hat als in einem ganzen Jahr in deinem klimatisierten Kerker, sei es die Schule, die Uni oder der Scheißjob. Sich also eine Sturmhaube überzuziehen und Sachen kaputtzumachen, ohne etwas zu erwarten, ist wie ein Training für das, was uns erwartet. Die Barrikade ist die Fortsetzung der Blockade, die wiederum die Fortsetzung jahrelangen, einsamen Schimpfens auf der Schulbank ist … nur dass wir jetzt zu vielen auf der Straße sind, die keine Forderungen mehr haben und unter keinem Banner demonstrieren. Unsere einzige Parole: Das Feuer.
Unsere Generation weiß, dass sie nicht einmal den kleinsten Krümel von den Früchten deines widerwärtigen Systems ernten wird. Man muss „Das Kapital“ nicht mehr lesen, um zu verstehen, dass uns die Widersprüche der Wirtschaft langfristig alle umbringen werden und dass wir am Ende angelangt sind, lieber Fernsehzuschauer! Die „Métro Terre“ erreicht ihre Endstation! Jetzt, da die faulen Früchte deines Marktes unsere Körper und unseren Geist, unser Leben und unseren gespenstischen Alltag direkt vergiften, brauchen wir keine verworrenen Erklärungen und keine deutsche Fachsprache mehr. Wir erleben es am eigenen Leib, und es zehrt an uns, es ermüdet uns, es nervt uns, es macht uns krank, es tötet uns und unsere Angehörigen … Wir haben die Lektion verstanden, aber wir haben auch erkannt, dass es Schwachstellen gibt. Diese werden wir also ausnutzen, solange wir noch in dieser beschissenen Welt leben müssen.
Die ‘génération Niketout’ ist nichts anderes als ein Überlebensakt einer Bevölkerung, die keine falschen Träume mehr zum Festhalten hat: „Demokratie“, „Kaufkraft“, „Lebenserwartung“, „Rente“, „Zukunft“ sind zu Running Gags geworden, die Politikern und Gewerkschaften über die Lippen kommen.
Die ‘génération Niketout’ weiß, dass der Kuchen bereits gegessen wurde und dass er vergiftet war; daher hat sie nichts mehr zu verlieren, sie hat keinen Hunger mehr, sie will einfach nur leben.
Die ‘génération Niketout’ wird keine Hilfe von Papa Staat oder Mama Wirtschaft bekommen, also verlässt sie sich nur auf sich selbst.
Die génération Niketout’ ist ein Fehler. Aber ein Fehler, der euch um die Ohren fliegen wird!
Schöne Albträume für die nächsten Jahre. Egal, wer wir sind – was zählt, ist, was wir tun werden.
Anmerkung der deutschen Übersetzung
1, “Niketout” ist ein Wortspiel mit der gerade bei Jüngeren beliebten Marke Nike, deren Artikel auch gerne mal bei Plünderungen umverteilt werden und nique tout, was übersetzt so ungefähr alle(s) ficken (nicht sexuell) bedeutet, gleichzeitig aber im Slang auch “alles platt machen”, “alle anderen weit hinter sich lassen” bedeutet. Eigentlich unübersetzbar erschließt sich die Überschrift hoffentlich mit diesen Anmerkungen dem deutschen Leser.
2. “les shlags” – bedeutet sowohl soviel wie die Verwahrlosten, Unangepassten (Kleidungsstil betreffend) als auch ‘lost’ sein, verpeilt.
3. Anspielung auf die Matrix Trilogie
4. “Soylent Green” ist ein dystopischer Film, in dem der Hauptprotagonist herausfindet, dass das synthetische Nahrungsmittel für die Mehrheit der Bevölkerung eigentlich aus Menschenfleisch besteht.
5. Französische Supermarktkette
6. Slang für Chaos, Unruhe, Aufruhr
Veröffentlicht am 26. Oktober 2026 auf Lundi Matin, sinngemäß ins Deutsche übertragen von Bonustracks.
https://lundi.am/Generation-niketout
