Warum wir Waffen tragen

Was ist sie denn eigentlich, diese vielbeschworene Guerilla?
Hierzulande ist sie Schreckgespenst geworden, ob unter den staatstreuen Medien, den rechten Hetzern, aber auch unter den selbsternannten Staatsfeinden von Links, die Patriarchat, Gewaltfetischismus und Antisemitismus in ihr wiederfinden.

Ich habe die Guerilla nicht erlebt, ich habe nur von ihr gelesen, habe antiquierte Bücher erstanden, habe Reisen in andere Länder unternommen, habe ein Leben geführt, dass mich oft an den Rand ihres Bannkreises, ihrer Einflusssphäre, geführt hat. Ich bin von ihr fasziniert, ich bin von ihr angewiedert – Ich bekomme mehr und mehr Angst vor ihr, je mehr ich von ihr erfahre. Weil ich spüre, dass sie in mir selbst, in uns allen, schlummert.

Was ist denn eigentlich ihr Sinn, was ist dieser Geist der immer noch so viele Menschen dazu bringt, all ihr Dasein aufzugeben und sich dem Untergrund, dem Meer der Ungewissheit, zu überantworten?
Sind es die Herzen die in unserer Brust brennen, voll Ingrimm und Tobsucht? Der wutentbrannte Aufschrei, der Sturm, der Drang zur Attacke?
Ist’s die ungebundene, freie Natur, die überall zu uns spricht, uns bedeckt mit ihren Grünen Blättern, uns in ihrem Schatten vor feindseligen Blicken bewahrt und die ihre lustigen Herolde schickt uns mit Gezwitscher zu warnen vor dem Feinde, der durchs Unterholz pirscht? Ist’s dieses Gesetz der Wildnis, welches uns gelehrt hat, dass Jäger*innen ganz schnell zu Gejagten werden können? Also der Stolz der bedrängten Kreatur, die sich nicht vernichten lassen will?
Sind es die Freunde, die dahingemordet wurden oder die Kamerad*innen mit denen wir Seit‘ an Seit‘ auf den brennenden Straßen standen? Deren letzte Worte wir entgegennehmen, da der Kampf und unser elendes Dasein ihren Körper und ihren Geist unwiderbringlich zerrütteten…
Ist es die tiefe Trauer und der Trübsinn, die unseren Geist zu solch dunklen Taten veranlassen? Der armselige schwarze Hund, der uns überallhin begleitet, der unsere Gefühle betäubt, sodass selbst ein kaltblütiger Mord uns nicht mehr schrecken kann?
Oder ist es der kalte und unversöhnliche Hass gegen all die Knechte der Herrschaft, welcher, einem Eiskristalle gleichend, sich in unsere Herzen bohrt – ein unablässiges Stechen, dass sich nur im Akte der brutalen Gewalt oder im Missbrauch von sedativen Substanzen ein wenig übertünchen lässt?
Ich bin der Meinung, dass all diese Gefühle uns maßgeblich darin beeinflussen, den bewaffneten, den unversöhnlichen Weg zu beschreiten.

Doch scheint das Verständnis von der Guerilla, hierzulande, von einem sehr instrumentellen, geradezu technischen Gedanken geprägt zu sein. Die Diskutanten in den einschlägigen Blättchen drehen sich seit langem im Kreis: Sie meinen die Guerilla in der Avantgarde und im bewaffneten Volkskrieg wiederzuerkennen, doch können sie nur einzelne, rein analytische Aspekte aufzählen – Schnöde Theorie, Strategiepapiere längst vergessener Traumschlösser, deren Schaumberge lang schon verpufft sind.
Sie sehen die Guerilla nur in Positionspapieren, während die Guerilla auf der Straße steht, während sie sich, anstatt mit Worten, mit 9mm Geschossen positioniert.
Die Tat spricht aus den Gewehrläufen. Sie verfechtet eine revolutionäre Tugend, keine revolutionäre Theorie. Einige Guerillas mögen durchaus große Konzepte aufgestellt haben, doch waren diese Konzepte keineswegs Ausdruck ihres Lebensstils, keine Erklärung für ihre Anziehungskraft und noch viel weniger Erklärung für ihren Erfolg oder ihre Niederlage. Vielmehr sehe ich den Verlust ihrer revolutionären Tugend und das hinabgleiten in die militärische Logik des Staates als zentralen Anhaltspunkt für das Scheitern von Guerillabewegungen – nicht der Fakt, dass sie Waffen trugen oder mordeten. (Eine feministische Perspektive, die sich aus einer fadenscheinigen Psychoanalyse heraus die Mittel für den Abwehrkampf nimmt, ist eine billige Ausrede der Privilegierten und Salonrevolutionäre.)

Die Revolutionäre Tugend ist das Verständnis, dass ein/e* Kämpfer/in* eine vorbildliche Rolle im Theaterstück der Geschichte einzunehmen hat. Diese Person möchte mit gutem Beispiel voranschreiten, in der Hoffnung auch andere von ihren Ideen zu begeistern und einen ersten Schritt in Richtung Revolution zu wagen. Doch ist die revolutionäre Tugend immer von der grundlegenden Gleichwertigkeit der Kämpfe abhängig: Eine revolutionäre Tugend ist immer der Selbst(!)-befreiung des Proletariats und der Unterdrückten verpflichtet. Die Tugend liegt darin, sich gleich zu machen mit allen Elendigen, all unseren Geschwistern auf diesem Planeten ein Ohr zu schenken, all ihre Kämpfe anzuerkennen. Die tugendhaften Kämpfer*innen erkennen ihre Unzulänglichkeit, ihre irrationale Mennschlichkeit und erheben sich nicht über Genoss*innen, die andere Wege gehen.
Jene Kämpfenden aber, die sich selbst als moralische Autorität oder gar als militärische Vorhut begreifen, sind nichts als Narren, die selbst schon mit dem Gedanken der Herrschaft spielen. Sie haben sich vom Volk abgesondert, sind emporgestiegen in ihr arrogantes Luftschloss. Sie haben ihre Verantwortung und ihre Menschlichkeit eingetauscht gegen die Logik der Macht, gegen die Rechenschieber der Massenmörder – sie sind Schlächter geworden.
Weil die Mittel kein Ziel an sich sind, trennen sie die Kämpfenden nicht, sondern befreien die Möglichkeiten, sie machen aus denen, die diese oder jene Form wählen, keine Heiligen, noch erheben sie sie und bestücken sie mit Orden.

Die Guerilla ist in erster Linie ein Geisteszustand, der sich mit (potentiell) tödlicher Gewalt einen Ausdruck verleiht. Sie nährt sich am Schreckgespenst Tyrannenmord, dass die Mächtigen selbst in ihren Träumen verfolgt, den Spieß umdreht, die Schlächter zu Beute macht. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die Unterdrücker und Despoten, deren Macht rein auf dem Terror ihrer eigenen Gewaltmittel beruht, die Rächer*innen als Terroristen verleumden.
Die kämpfenden Genoss*innen sind dementsprechend keine Avantgarde, keine revolutionäre Führung, sondern schlicht Rachegeister des Proletariats. Sie schreiten mit gutem Beispiel voran, sie schreiten fragend voran, denn sie sind zum Spuk, sind Schreckgespenster geworden. Sie opfern einen guten Teil ihrer Menschlichkeit, auf dass sie einen beherzten Schritt nach vorne wagen können, da die tödliche Gewalt dem Gegner seine Sicherheit und seine Überlegenheit nimmt.
Aber sie bleiben auch immer Menschen: einfaches, lustvolles Fleisch. Diese Art von Menschen, die wir überall auffinden. Ein Mensch, der die Welt von unten sieht, ein Ausdruck der geknechteten Leiber, die sich in der gemeinschaftlichen Erhebung als göttliche Kinder erfahren. Ein Wesen, dass über sich hinauswachsend ein Teil, ein lebendiges Glied einer Gemeinde von Freien und Gleichen wird – Eine Verbindung in der sich das Göttliche unmittelbar und herrschaftslos offenbart. Diese Art des Menschentums braucht keinen Besitz, kein Eigentum, um sich seiner selbst zu vergewissern, denn es lebt physisch und geistig von der Gemeinschaft, in der ein jedes Individuum uns durch seine Existenz, durch die gemeinschaftlich entfaltete Einzigartigkeit, bereichert.
So gehen unsere Geschwister den blutigen Weg der Freiheit, bezahlen selbstbestimmt den Preis dafür, verschwinden hinter Gittern oder werden selbst im Blut gebadet.
Doch werden uns ihre Geister weiterhin begleiten, wenn wir auf dunklen Straßen wandeln, im Angesicht des Feindes.
Sie stehen uns bei, sie geben uns Hoffnung, wenn sie uns leise ins Ohr flüstern: „Das nächste mal wird es besser sein!“

Die Guerilla ist ein Teil von uns, kann aber keine kämpfende, proletarische Massenbewegung ersetzen. Militante, ob bewaffnete oder unbewaffnete, können unseren Kampf zur Selbstbefreiung nur unterstützen, können nur Anteil haben, nicht führen, nicht siegen. Die eigentliche Macht kommt immer vom Pöbel, vom einfachen Volk, von der Arbeiter*innenklasse, von den Kolonisierten, den Entmenschlichten: Denn wenn das Volk sich einbildet, dass es die Armeen der Herrschaft(en) nicht zu berücksichtigen braucht, dann gibt es keine Macht, die es aufhalten kann – Unsere Macht liegt in unserer Einbildung.
Die Guerilla trägt die Fackel der Einbildung vor sich her, im Guten, wie im Schlechten. Ihr Feuer ist unser Feuer, sie stehen an unserer Seite, wenn wir vor den behelmten Reihen der Staatsbüttel stehen: Sie sind das Feuer, dass die Polizisten in unseren Augen erkennen – das Feuer verbreitet Furcht und Schrecken in den Reihen der Ordnung.
Die Guerilla kann nur der Schlagring sein, der den Gegenschlag der Proletarier*innen zu einem Knock-Out-Punch macht. Sie kann nur den Prozess der allgemeinen Bewaffnung des Proletariats mit Geld, Kontakten, Training und Propaganda unterstützen. Das kämpfende Proletariat muss sich bewaffnet und gut vorbereitet dem Staat und den Kapitalgesellschaften entgegenstellen, sonst wird es vom bewaffneten Arm der Staatsmacht überrollt. Das sollte unser Ziel als Guerilla sein:
Dem Volk die Mittel an die Hand geben, um sich gegen den Einsatz von tödlicher Gewalt zur Wehr zu setzen.

Kurzgesagt, die Idee der Guerilla ist begrenzt:
Sie kann uns nur dann und wann Hoffnung machen, wenn ein elender Knecht der Staatlichkeit ein verfrühtes Ende gefunden hat oder ein orwellscher Knastbau gesprengt wird.
Sie kann uns die Waffen an die Hand geben, mit denen wir uns wehren können, mit denen wir die Staatsmacht in die Knie zwingen können.
Sie kann uns das unversöhnliche Feuer für unseren Kampf geben und unseren Feinden den Schrecken in die Herzen treiben.
Sie kann aber keine starke Bewegung ersetzen, noch diese zum Kampf anstacheln und kann dieser schon gar nicht als Vorreitende dienen.
Wir müssen die Revolution selber machen, keine Heldin, kein Gott, kein übersinnliches Wesen mit Knarre wird uns retten.

Sehen wir die Guerilla nicht als Schreckgespenst oder als Retterin, sondern als einen weiteren und gleichwertigen Baustein im Arsenal des revolutionären Proletariats, dann ist der bewaffnete Kampf kein Mythos, sondern eine alltägliche Gewissheit.

Lasst uns die Guerilla zur Gewissheit machen!
Lasst uns eine autonome Massenbewegung aufbauen!
Lasst uns Vater Staat, den allesverschlingenden Leviathan vernichten!
Kyriakos, Sandra und Sandrone stehn uns ewig bei!