„Wir haben genug von Big Tech“
Eine Konferenz für Gewerkschafter*innen, Umweltaktivist*innen und Mietrebell*innen
könnte der Startschuss für einen Widerstand gegen Google, Amazon und Co. werden
Mehrere Jahre versuchte die Initiative „Berlin versus Amazon“ die Ansiedlung des AmazonKonzerns im Stadtteil Friedrichshain zu verhindern. Die Proteste hielten sich in Grenzen und der Amazon-Tower wurde 2025 bezogen. Doch jetzt hat die Initiative einen späten Erfolg erzielt. Von 10. bis 12. April 2026 tagte ganz in der Nähe des
Amazon-Towers die Konferenz „Cables of Resistance – Call for Participation“. Rund 1000
Menschen aus ganz Deutschland nahmen daran teil. Viele fanden keinen Einlass mehr. Die
Konferenzorganisator*innen haben mit ihrem Motto „Wir haben genug von Big Tech“ den Nerv
von vielen Menschen getroffen. „Die Idee entstand am Tisch einer linken Wohngemeinschaft. Im Laufe der Vorbereitungen kamen weitere Personen und Initiativen dazu“, erklärte ein langjähriges Mitglied von Berlin versus Amazon. Gemeint sind mit
„Big Tech“ die fünf mächtigsten US-Technologiegroßkonzerne – Amazon, Alphabet (Google),
Apple, Meta (Facebook) und Microsoft (oft als GAFAM bezeichnet) –, die durch extreme
Marktkapitalisierung, Datensammlung und monopolartige Stellungen weltweit die digitalen Märkte dominieren.
Wenn TikTok-Arbeiter*innen streiken
Drei Tage lang diskutierten auf der Konferenz Gewerkschafter*innen, Beschäftigte von
Big Tech sowie Klimaaktivist*innen miteinander. Auf der Konferenz kamen in den unterschiedlichen Foren und Panels Menschen zu Wort, die in den Tech-Firmen ihre Lohnarbeit leisten. Dazu gehört Sonthaya Etschenberg, die eine wichtige Rolle
beim Streik der Content-Moderator*innen von TikTok im letzten Jahr gespielt hat. Sie
wollten verhindern, dass ihre Arbeit durch Künstliche Intelligenz ersetzt wird. Obwohl der Streik nicht erfolgreich war, hat Etschenberg ihren Optimismus nicht verloren. „Arbeiterinnen und Arbeiter, die vorher völlig angepasst waren, wurden bald
so wütend, dass sie am liebsten den Betrieb anzünden wollten“, brachte Etschenberg die
Veränderungen auf den Punkt, die der Arbeitskampf bei ihren Kolleg*innen bewirkt hatte.
Sie gab sich überzeugt, dass es in Zukunft noch häufiger solche Arbeitskämpfe in der BigTech-Branche geben würde. Die für diese Bereich zuständige IG-Metall-Sekretärin Sabrina Lamers benannte auch die Probleme, mit denen renitente Beschäftigte in der Tech-Branche konfrontiert sind. Ein besonders anschauliches Beispiel waren die Betriebsratswahlen in der Tesla-Fabrik bei Grünheide vor einigen Wochen. Das Management machte deutlich, dass eine Mehrheit für die IG-MetallBetriebsratsliste unter allen
Umständen verhindert werden sollte. Die IG Metall wurde bekämpft wie eine feindliche linke Organisation. So wurde ein IG-Metall-Sekretär durch die Polizei aus dem Werk entfernt. Die Union-Busting-Aktionen hatten Erfolg. Die IG-MetallListe verlor an Stimmen, eine unternehmernahe Liste gewann. Jetzt wird das Ergebnis vom Arbeitsgericht überprüft.
Die Union-Busting-Methoden von Musk und Co.
Auffällig war, dass es wenig Proteste gegen die wochenlange Union-Busting-Kampagne
gegen die IG Metall in Deutschland gab. Dabei wurde im Tesla-Werk das gewerkschaftsfeindliche Drehbuch eines Elon Musk in die Praxis umgesetzt. Vor einigen Monaten gab es noch in verschiedenen Städten hierzulande Proteste vor Tesla-Filialen. Damals stand Musk als Mann mit der Kettensäge im Dienste Trumps. Nachdem Musk den Hitlergruß gezeigt hatte, war vielen klargeworden, dass er ein Nazi ist. Umso merkwürdiger, dass die Union-Busting-Methoden, die weniger Interpretationskraft als
eine Armbewegung bedürfen, auf wenig Empörung stießen. Vielleicht sorgt die Konferenz
dafür, dass sich das ändert. Schließlich fanden sich dort genügend Zeugnisse, die zeigen, dass es auch anders geht. So zeigte eine Fotoausstellung über die Waldbesetzung in Grünau gegen die Ausweitung des Tesla Werks ein Transparent, auf dem sich die Besetzer*innen mit den Beschäftigten und ihrer Gewerkschaft solidarisierten. Als die Besetzung im Spätherbst 2024 polizeilich geräumt wurde, konnten einige von den Besetzer*innen gerettete Gegenstände im IG-Metall-Häuschen in Grünau untergestellt werden.
Von San Francisco nach Berlin-Friedrichshain
Auf einem Panel berichteten Aktivist*innen verschiedener Stadtteilinitiativen über die Folgen von Big-Tech-Ansiedlungen für die Nachbarschaft. Dorothea von der Stadtteilinitiative „Wir bleiben alle Friedrichshain“ beschrieb, wie der Amazon-Tower
zum Treiber für die Gentrifizierung wurde. Mittlerweile sind ein halbes Dutzend weitere
Hochhäuser im Umkreis weniger Kilometer geplant. Weil das von Grünen und Linken dominierte Bezirksparlament dagegen Einwände erhob, entzog der Berliner Senat in Gestalt des. SPD-Senators Christian Gaebler ihm die Zuständigkeit und rollte dem Big-Tech-Kapital den roten Teppich aus. Das wiederum führte zum Widerstand der Bewohner*innen, die steigende Mieten befürchten. Inspiriert von den Berichten der Stadtteilaktivistin aus Friedrichshain zeigte sich Katja Schwaller, Herausgeberin des 2019 bei Assoziation A erschienenen Sammelbandes „Technopolis“ über den Widerstand gegen die Landnahme von Google und Co. in San Francisco. Zu den dortigen Protestaktionen gehörte die Blockade von Bussen, mit denen die hochbezahlten GoogleManager*innen zu ihren Arbeitsplätzen kutschiert wurden. Für diesen Shuttle-Service wurden die Bushaltestellen in ärmeren Stadtteilen genutzt, doch die Bewohner*innen durften mit diesen Bussen nicht fahren, was den Widerstand weiter anheizte. Auch den Kongress „Cables of Resistance“ bezeichneten viele der meist jungen Teilnehmer*innen als eine Inspiration. Viele wollen sich
organisieren und begannen damit bereits auf der Konferenz. Vielleicht spricht man in einigen Jahren von ihr als dem Startschuss für einen Widerstand gegen den Big-Tech-Kapitalismus.
