Gentrifizierung – Je bunter, desto teurer

Maxim ruht nicht mehr in Frieden. Fast zwanzig Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Attila Murat Aydın, alias Maxim, einer Ikone der Berliner Graffiti- und HipHop-Szene, soll er für das Berlin Mural Fest im Spätsommer 2021 auf einem haushohen Mural wiederauferstehen. Das Graffito, das Sprayer der „Berliner Allstars“ für das Street Art Festival an die Hausfassade der Naunynstraße 52 sprühen, trägt den Titel „Maxim-Memorial-Wand“.

In einem Hochglanz-Clip, der den Entstehungsprozess des Werks zeigt, schart einer der Macher der Aktion, Kimo von Rekowski, Fans und Wegbegleiter um sich wie für eine zweite Trauerfeier. Pastoral spricht er zur Gemeinde: „Wir sind hier zusammengekommen, um den großartigen Maxim zu feiern. Rest in Peace, Bruder.“ Von der Familie für die Familie sei das Motto, erklärt einer der beteiligten Graffitikünstler in die Kamera. Aydins Witwe und sein Sohn Cihad gehören an diesem Tag im September aber nicht zu den geladenen Trauergästen.

„Meine Mutter wird sich diese Wand nicht ansehen“, erklärt Cihad im Dezember in einem Graffiti-Shop in Berlin-Schöneberg. „Es trifft sie, dass man ihren Mann für so eine Profit-Macherei benutzt“, legt er nach und schüttelt den Kopf. Einer der Künstler hätte ihm das Mural als Gedenken von alten Freunden seines Vaters geschildert, es sei eine „gute Sache“ habe er gesagt. Deshalb hat Cihad auch zugestimmt. Dass der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen das Berlin Mural Fest, in dessen Rahmen das Mural enthüllt wurde, als Partner unterstützt, ja sogar die Wand des Wohnhauses in Berlin-Kreuzberg zur Verfügung stellt, auf die das Antlitz seines verstorbenen Vaters gemalt werden würde, hätte man ihm aber verschwiegen.

Maxims Bildnis ist ein Politikum

„Hätte ich gewusst, dass die DW dahintersteckt, dass es eine PR-Aktion sein würde, hätte ich mein Einverständnis niemals gegeben“, sagt er. Der Gipfel sei, dass er und seine Mutter von den Veranstaltern nicht zum Gedenken vor der Wand eingeladen worden wären. „Mein Vater hätte die Sache nicht gut gefunden“, ärgert sich Cihad. „XI Design“, die Werbeagentur um Von Rekowski, die das Berlin Mural Fest mitorganisiert, ließ Interview-Anfragen unbeantwortet. Die Deutsche Wohnen teilte jetzt schriftlich mit: „Die Organisation, Kuration und Inhalte der Murals liegen bei den Veranstaltern des Festivals, genauso wie die Feierlichkeiten rund um das Festival.”

„Solche Aktionen hinterlassen Irritationen, weil Graffiti und Street Art traditionell als Protestformen im urbanen Raum gelesen werden“, erklärt Carolin Genz von der Humboldt Universität in Berlin.

„Der Kapitalismus macht sich die Kultur zur Image-Polierung zu eigen“, sagt sie weiter. Man spreche von Art-Washing, wenn sich Unternehmen wie hier wohl Deutsche Wohnen mit Kunstprojekten in besserem Licht darstellen. Der Immobilienkonzern ist einer der wichtigsten Akteure am Berliner Mietmarkt: Etwa 100 000 Wohnungen in Berlin gehören dem Unternehmen. Die „Memorial Wand“ mit dem Bildnis von Maxim auf einer der Wände von DW wird dabei mehr und mehr zu ein Politikum. Der Verein „Erben der Kultur“ greift etwa in einem offenen Brief Deutsche Wohnen für die Aktion scharf an. Getarnt als Kunstprojekt würde die DW, so der Vorwurf, das Andenken an ihren verstorbenen Freund für eine PR-Kampagne ausbeuten.

Aber ist da etwas dran? Die DW erklärt in einem Statement, ihr Interesse an Street Art bestehe lediglich darin, „Kieze lebendiger zu gestalten“ und „Kunst frei zugänglich zu machen“. Es könnte dem Konzern aber um mehr gehen: Die Deutsche Wohnen hat ein Image-Problem. Und arbeitet aktuell an einem positiveren Bild in der Öffentlichkeit. Da passt das Sponsoring eines Street Art Festivals gut.

Seit 2019 unterstützt die DW das Berlin Mural Fest finanziell und mit Hauswänden. Und nicht nur in Berliner Kiezen, auch in Dresden, Düsseldorf, Frankfurt und Leipzig organisiert der Konzern seit Jahren medienwirksame Street Art- und Graffiti-Projekte. Unter dem Slogan „Kunst für den Kiez“ präsentiert sich die DW in den sozialen Netzwerken als hippe Brand mit Herz für die Nachbarschaft – auch wenn Kritikerinnen und Kritiker dem Unternehmen vorwerfen, mit seinen Methoden die Gentrifizierung in Großstädten mit voranzutreiben. Im Herbst erzwang etwa die Initiative „Deutsche Wohnen und Co. enteignen!“ einen Volksentscheid. Das Ziel: Die Immobilien des Unternehmens in Gemeineigentum zu überführen. 57,6 Prozent der Berlinerinnen und Berliner stimmten dafür.

Die Gentrifizierungsforscherin Carolin Genz weist darauf hin, dass längst nicht nur die Deutsche Wohnen ein Interesse an Urban Art entwickelt hätte. Denn die Liste der Immobilienkonzerne, die Street Art und Graffiti in ihre Firmenkommunikation integriert haben, ist lang: Vonovia, Patrizia AG, GAG Immobilien AG. Die Firmen sitzen in Hannover, Köln und München.

Wie Carolin Genz von der Humboldt Universität ausführt, gehe es aber um mehr als Publicity. „Konzerne wie DW werten mit kulturellem Kapital Orte zu besonderen Orten auf“, erklärt die Stadtanthropologin. „So sollen auch Bausubstanz und Boden aufgewertet werden.“ Oder, wie es die Deutsche Wohnen auf ihrer Homepage selbst formuliert: „Das bringt Farbe in die Kieze und lässt sie zu einzigartigen Orten werden.“ Klartext: Indem man die Viertel durch gekaufte Street Art zu einzigartigen Orten macht, werden sie für Menschen als Wohnort attraktiver. Und wenn Viertel für mehr und eventuell auch potentere Mieter als Wohnort attraktiver werden, können die Eigentümerinnen der Wohnungen mehr Miete verlangen. So steigt auch der Druck auf Alteingesessene.

Was dann mit einer Gegend passieren kann, lässt sich auch an der alten Cuvrybrache, einem lange brachliegenden Gelände in Berlin-Kreuzberg, beobachten.

Kulturwissenschaftler Lutz Henke ist seit zwanzig Jahren mittendrin. Er gehörte zu denen, die 2014 Murals des Street-Art-Künstlers Blu, die Henke selbst an Brandwänden des Häuserblocks 2007 als Kurator des Projekts veranlasst hatte, in bester Lage mit Spreeblick schwärzte. Die schwarze Wand wurde zum Symbol für den Widerstand gegen den Ausverkauf der Stadt.

„Als damals feststand, dass wir nach zehn Jahren aus unseren Ateliers und Ausstellungsräumen im ehemaligen Senatsreservenspeicher raus müssen und die Bagger anrücken, wollten wir beim Auszug auch die Murals im Außenraum löschen – oder erweitern. Wie man das sehen will“, erzählt Henke bei einem Spaziergang durch seine alte Heimat.

Aber ist die Sache nicht doch komplizierter? Natürlich ist die Aufwertung eines Quartiers ja nicht nur schlecht, natürlich jagt nicht jedes Mural die Mieten hoch. „Zu behaupten, nur weil im Kiez ein Mural auftaucht, würde der Kiez gentrifiziert werden, sehe ich nicht. Das ist zu einfach“, sagt Andreas Schanzenbach von der Agentur „Concrete Candy“ aus Dresden. Er und sein Team zählen zu den Pionieren im Urban-Art-Marketing. Mit seiner Agentur setzt er für Weltkonzerne wie Netflix seit Jahren Kampagnen um.

Klar ist: Street Art ist nur einer von vielen Faktoren, die Gentrifizierung vorantreiben – aber einer, den viele übersehen. Murals und Graffiti galten lange als Vandalismus, als hässliche Verschandelungen der Innenstädte.

Das hat sich mit dem Aufstieg von Künstlern wie Banksy oder Shepard Fairy in den internationalen Kunstmarkt verändert. Street Art ist Mainstream und heute auch bei Investorinnen und Investoren beliebt. Eine Studie des Data Science Lab der Warwick Business School bestätigt 2016 einen Zusammenhang zwischen Kunst im öffentlichen Raum und der Mietpreisentwicklung: Je mehr Fotos von Street Art in einem Londoner Viertel bei Flickr gepostet wurden, desto schneller stieg in diesem Viertel auch der Mietpreis.

Man kann das auch selbst beobachten: Für jetzt errechnete das Immobilienportal Immowelt.de aus allen inserierten Angeboten den durchschnittlichen Quadratmeterpreis für Bestandswohnungen in Berlin Marzahn-Hellersdorf von 2018 bis heute. Obwohl die durchschnittliche Miete für die Stadt Berlin in diesem Zeitraum eigentlich um zwei Prozent gefallen ist, ist sie in Marzahn-Hellersdorf um mehr als zehn Prozent gestiegen. Und um hier noch einmal den Bogen zur Deutsche Wohnen zu schlagen: Marzahn und Hellersdorf dienten mit insgesamt sieben Locations als zentraler Standort des Berlin Mural Fest 2019.

Die Deutsche Wohnen bestreitet den Zusammenhang, auf Anfrage schreibt das Unternehmen dazu Folgendes: „Eine Mieterhöhung in den letzten drei Jahren in denen von Ihnen genannten Wohngebäuden in Berlin fand, wenn überhaupt, lediglich im Rahmen des Mietspiegels und so in sehr geringem Maße statt.“ Und: „Die Gestaltung der Häuserwände hatte und hat keinerlei Auswirkung auf die Mietentwicklung.“ Zumindest Letzterem würde die Gentrifizierungsforscherin Carolin Genz wohl in dieser Absolutheit widersprechen.

Ist die Kommerzialisierung von Street Art das Problem?

Natürlich würde Kunst im öffentlichen Raum auch dazu beitragen, dass Viertel ins Risiko geraten, für Investorinnen und Investoren interessant zu werden, sagt auch Schanzenbach an. Schuld daran seien aber nicht die Sprayer:nnen, sondern die Städte, die Wohnungen an private Investorinnen und Investoren verkaufen. Er sagt: „Das Problem ist systemisch.“

Zurück an der Cuvrybrache in Berlin-Kreuzberg: Unweit der neuen Maxim-Memorial-Wand versteht man schnell, was Schanzenbach damit meinen könnte. Natürlich tragen Künstlerinnen und Künstler mit ihren Werken in der Stadt zu Prozessen bei, die Mieten steigen lassen können. Und Immobilienkonzerne haben das erkannt und nutzen das für sich. Trotzdem ist es auch die Aufgabe der Politik, Anwohnerinnen und Anwohner zu schützen und Freiflächen für Kunst zu ermöglichen.

Der Fall der ehemaligen Cuvrybrache steht dafür symbolisch: Leute wie der Kurator Lutz Henke hatten den Kiez um das Schlesische Tor Anfang der Nullerjahre mit Urban Art für Investorinnen und Investoren attraktiv gemacht. Und konnten sich die Gegend dann plötzlich selbst nicht mehr leisten. „Wir waren so erfolgreich, dass wir uns selbst verdrängt haben“, sagt Henke und betrachtet das Bürogebäude, das heute auf dem Gelände steht: das Headquarter von Lieferando.

Das Mural von Blu, das 2014 zur schwarzen Wand – und damit zum Symbol gegen Gentrifizierung – wurde, ist fünf Jahre später in den Komplex integriert worden. Die neuen Mietenden haben die schwarze Wand beige überstrichen. Man sieht sie heute nicht mehr. Und trotzdem ist sie noch da.

 

Von Stefan Sommer

https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/leben/mit-graffiti-gentrifizieren-e399731/

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passiert am 15.12.2021