Navigieren auf einer neuen Welle von Unruhen

Jetzt ist es wieder soweit, europäische Regierungen zucken zusammen vor Tausenden Randalierer*innen die in den Metropolen auf die Straße gehen, ohne das sie von den Polizeikräften in Schach zu halten sind. Macron tönt, nicht zum ersten Mal in seiner Amtszeit:

„Wer zerstört hat, muss dafür bezahlen. Wer geplündert hat, muss den Schaden ersetzen. Wer versucht hat, die Republik zu stürzen, wird dafür zur Rechenschaft gezogen.“

Die Papageien der Medien schäumen vor Wut, wie immer wenn die Ohnmacht die Seiten wechselt, und auch die freiwilligen Putzkräfte, die im Sommer 2017 beim G20 in Hamburg mit Bürsten die Bordsteine des Schanzenviertels von Krawallspuren beseitigten sind am Start. Jetzt kratzen sie in Paris geschmolzene Leihräder aus dem Asphalt oder sortieren Mülltonnen in Mailand.

Aber wo sind wir? Überrascht von diesen Wutexplosionen, zu deren entstehen wir wie so oft, nicht viel beitragen konnten. Um nicht den Überblick zu verlieren, eine unvollständige Zusammenfassung der letzten Events,

Brüssel
Am 9. Oktober folgten 30.000 Menschen den Aufrufen von Gewerkschaften gegen die antisozialen Maßnahmen der Regierung. Schüler*innen und Student*innen blockierten Bildungseinrichtungen. Von morgens bis abends kam es im Zentrum, im Bereich der Bahnhöfe zu Zusammenstößen mit den Bullen. Unterbrechung des Konsums, statt die wie eine Pest verbreiteten E-Scooter für eine leicht zu trackende Fortbewegung zu nutzen, werden sie heute von Jugendlichen massenhaft ins Feuer geworfen. Die Spannungen hatten sich schon an den Vortagen und auch in anderen Städten angekündigt.
Am 17. Oktober weitere Krawalle in Brüssel und Lüttich, 195 Festnahmen bei einer Demo gegen die Sparmaßnahmen im frankophonen Bildungswesen, gegen die Polizei und gegen die aktuelle belgische Regierung.

Paris
Nachdem letztes Jahr eine Alles Blockieren Bewegung im September an vielen Orten eskaliert war, wurde deren vermeintliches Ende mit einer lahmen Stimmung eines müden Generalstreiks Anfang Oktober 2025 besiegelt. Um plötzlich mit den diesjährigen Bildungsprotesten und Schulblockaden in eine neue Runde zu gehen. Seit Wochen tut die CRS das, was sie immer macht, sie schießen Demonstrant*innen mit Flash-balls die Augen raus und sprengen Jugendlichen mit Granaten die Hände weg. Aber offenbar war am 17. Oktober die Wut größer als die Angst und Frankreichweit wurden Bullen angegriffen, Geschäfte geplündert, Symbole des Staats zerstört. Trotz jahrzehntelanger Erfahrung mit Aufstandsbekämpfung, gelingt es Politik und Verwaltung bisher nicht, die Allianzen von Schüler*innen, Überresten der Gelb Westen, Banlieue Bewohner*innen, Linken und anderweitig Angepissten zu spalten. Macron, der seine Truppen von Kanaky bis Erbil kämpfen lässt und momentan besonders die Golf Monarchien verteidigen will, kündigt Verhaftungswellen und Ausgangssperren an.

Barcelona
Lange blieb es ruhig in Barcelona aber am 5. Oktober kam es wegen der Wohnungsproblematik zu Riots im Zentrum. 100.000 Menschen beteiligten sich an einer Demo, zu der die Sindicat de Llogateres tenants‘ union aufgerufen hatte, danach Unruhen im Bereich Plaça Catalunya und La Rambla. Bullen setzten wie immer Gummigeschosse ein, 30 Mossos wurden verletzt, Stadtmobiliar lieferte an 28 Stellen das Barrikadenmaterial. Die Sprecherin des Sindicat erklärte als Ziel, das Land zu paralyzieren. Die Regierung hat nach dem Tod von Maricarmen Abascal aufgrund der Zwangsräumung und ihrem Scheitern in der Wohnungspolitik Neuwahlen für den 29. November angekündigt. Anarchist*innen verteilen ein Flugblatt während der disturbios:

„Möge die Wut über alle hinwegfegen. Politische Parteien, Gewerkschaften, Parlamente, alle Organisationen links von der PSOE, Polizei, Richter, Journalisten, Faschisten, jeder einzelne von ihnen ist Teil desselben Apparats zur Kontrolle und Bewältigung unseres Elends. … Unser einziges Ziel ist es, Bündnisse im Kampf und auf der Straße zwischen Gleichen zu knüpfen, unsere Klassenfeinde zu identifizieren und sie mit allen Mitteln anzugreifen.“

Mailand
Am 17. und 18. Oktober erlebte Mailand in seinem kommerziellen Zentrum die Ausschreitungen, die es verdient. Dort drehte sich die Demonstration um die für viele nicht mehr zahlbaren Lebenshaltungskosten. Wie in den anderen Städten auch wurden Bullen angegriffen, Geschäfte geplündert, Banken zerstört und überflüssiges Zeug den Flammen übergeben. Der Bürgermeister Giuseppe Sala befand:
„I’m very worried because it’s a new phenomenon, which also originates from an international scenario and therefore feeds itself.“

Mehr als 200 Festnahmen in Mailand, Ausschreitungen auch in Bologna und Turin.

Tirana
Albanien sah den Sommer über monatelangen Widerstand gegen den Plan der Trump Familie, ein Naturschutzgebiet in ein Luxus Tourismusressort zu verwandeln. Die sogenannten Flamingo Proteste waren Ausdruck der Spaltung der Gesellschaft in die ohnmächtigen und überflüssigen Segmente und die Clique um den korrupten Regierungschef Edi Rama. Seit Anfang Okober verschärften sich auch die Aktionen von Schüler*innen und Studierenden, inzwischen mit Riots an acht Tagen in Folge. Das Bildungsministerium ging in Flammen auf. Edi Rama dazu bei einem Treffen mit Lehrer*innen und Direktoren:

“A wave of stones, an attempt to overthrow the government and change those in power through the imposition of violence — something that will never be allowed to happen, in any form or for any reason.”

Lissabon
Der Rossio verwandelt sich in ein Zeltlager als Ausdruck der Verzweiflung über eine Stadt, die sich in wenigen Jahren zur am meisten gentrifizierten Metropole Europas gewandelt hat. Airbnb und Luxus Lofts für Internetnomaden und liberale kalifornische Millionäre haben die soziale Basis der Stadt zerstört. Als die Polícia de Segurança Pública am Morgen des 20. Oktober knüppelschwingend zur Räumung schreitet, wird sie mit Gegenständen beworfen, 55 Verhaftungen.

Und in Deutschland? Die Gesellschaft verbleibt noch passiv, wie fast immer. Konfliktscheue Pseudo-Gewerkschaften waren hier nie bereit Arbeitskämpfe auf die Straße zu tragen, das Mietenproblem seit einiger Zeit durch sinnfreie Enteignungsdebatten entschärft. Doch Spannungen an den Schulen beunruhigen die Herrschenden, Hetze in den Medien und vorauseilende Distanzierungen von Gewalt reichen sich bereits die Hand. https://www.tagesschau.de/inland/aufruf-demos-sicherheitsbehoerden-100.html

Barrikadenzündler*innen und Steinewerfer*innen stehen vor mehreren Problemen. Hier bleiben oder reisen? Die Informationslage aus den Krawall Hotspots ist dürftig, die Berichte und Mobilisierungen aus erster Hand auf Indymedia gehören der Vergangenheit an, die noblogs Seiten abgeschaltet, die neue Bewegung kommuniziert nicht mehr über eigene Medien sondern die des Feindes. Wer auf Insta und Co verzichtet kann den Dynamiken schwer folgen.

Zudem scheinen manche strategischen Grundlagen in Frage gestellt. Als Anarchist*innen stellen wir keine Forderungen an den Staat um diesen nicht als Dialogpartner zu legitimieren. Jedoch resultieren die aktuellen Unruhen aus der Weigerung von Regierungen, auf die Forderungen von Schüler*innen, Mieter*innen und von hohen Preisen Geplagten, einzugehen. Ohne abgelehnte Forderung keine Wut, ohne Wut kein Krawall?

Auch das appelistische Milieu in Frankreich stellt sich auf einem blog Fragen und beantwortet sie gleich mit einem Vergleich zu den Gelb Westen:
„How should we make sense of repeated defeats, even despite the persistence of conflictual forms of action? What conclusions are we to draw from this? How are we to “survive” the present moment? How do our enemies continue to prosper? How can we confront capital with seriousness and strategy and truly reinvigorate revolutionary ethics and perspectives?“

Um diesen interessanten Text aus einer problematischen Ecke nicht verkürzt wiederzugeben, liest Du selbst „Becoming Alive, Autonomous, and Explosive – The Invisible Committee“ auf https://illwill.com/becoming-alive

Aus einer anarchistischen Perspektive fällt auf, dass zwar nicht mehr eine Beteiligung an den gegenwärtigen Unruhen in Frage gestellt wird, weil dort dumme Symbole gezeigt werden, wie die französische Fahne, aber das Zusammenfinden auf der Straße erscheint schwer. Wir agieren zu selbstreferentiell und konnten weder große Menschenmengen bei AfD Parteitagen zum Angriff nutzen, noch die Demonstrationen gegen den Genozid in Gaza bei Überfällen der Polizei verteidigen. Vor knapp 10 Jahren zur Eröffnung der EZB in Frankfurt, brannten die Streifen vor der Bullenwache, eine Mobilisierung Gleichgesinnter weit über die Region hinaus machte es möglich. Während dieser Periode wurden wichtige Momente der Konfrontation in den vielen Städten Europas weit im voraus bekannt gemacht, diskutiert, und als Möglichkeit des sich findens wahrgenommen. Mittlerweile hat sich direkte Kommunikation und Anteilsnahme verschoben in den digitalen Ether. Mögliche Momente der gemeinsamen Konfrontation und geteilte Erfahrungen auf der Strasse werden zum nebeligen Teil des nächtlichen Doomscrolling. Warum wir nicht mehr ausrasten beschäftigt sogar das Feuilleton der Zeit. Laura Cwiertnia stellt dort fest:
„Beobachtet man die Protestkultur in Deutschland in den vergangenen Jahren, kann man sich fühlen wie in einer düsteren Variante von Samuel Becketts Warten auf Godot.“ https://archive.ph/20261022092258/https://www.zeit.de/feuilleton/2026-10/proteste-europa-deutschland-frankreich-lebenshaltungskosten-jugendliche

Jetzt die Apathie durchbrechen, ritualisierten Spektakelkonsum in Frage stellen – damit am 31. Oktober die mögliche Ausweitung der Jugendproteste nicht durch Organisationen wie „Initiative Gen Z regelt“ abgewürgt werden kann.

Und danach am 20. November auf die Straße! https://youthstrike.org/ Jetzt gibts keine Ausreden mehr von wegen nichts gewusst.

P.S. Grüße aus Marseille https://www.youtube.com/watch?v=zOQsbHy8qDs

01.png

passiert am 17.10.2026