Warum die Deutschen nicht ausrasten?
Während in Frankreich Barrikaden brennen, bleibt es hierzulande ziemlich ruhig. Geht’s den Deutschen so viel besser? Nein, sie sind nur die Summe ihrer Ängste.
Verschwitzte Gesichter hinter Sturmhauben, ein Rathaus, das lichterloh in Flammen steht, Ascheberge am Straßenrand. Die Bilder der Ausschreitungen in Frankreich, die in diesen Tagen zu uns herüberschwappen, können bei deutschen Betrachtern für gemischte Gefühle sorgen. Im ersten Moment kann man erschrecken; die Franzosen, meine Güte! Oder aber man macht einen Schritt zur Seite. Und fragt: Warum blieben wir in Deutschland von solchen Ausschreitungen bislang verschont? Warum rasten die Deutschen nicht aus, wie Menschen in anderen Ländern der Welt, zumindest nicht in diesen Massen? Und das, obwohl radikale Einstellungen auch hierzulande zunehmen?
Beobachtet man die Protestkultur in Deutschland in den vergangenen Jahren, kann man sich fühlen wie in einer düsteren Variante von Samuel Becketts Warten auf Godot. Man spürt, da baut sich etwas auf, der Unmut, so erwartet man, muss bald eskalieren, das Aufbegehren steht vor der Tür. Und alle fürchten es schon. Doch dann? Bleibt es aus.
So war es, als die Gelbwesten in Frankreich durch die Straßen zogen und die Zeitungen ein baldiges deutsches Pendant prophezeiten. So war es, als die Klimaaktivisten ihre Hände auf die Autobahn klebten; CSU-Politiker Alexander Dobrindt sah damals gar die Entstehung einer »Klima-RAF« voraus. Und auch auf die Pegida-Demonstrationen und die Bauernproteste schaute die Öffentlichkeit voller Angst vor flächendeckender Eskalation. Nur kam diese nie. In Deutschland gibt es den Zorn der Masse. Aber er kocht selten über.
Bevor sich jetzt jemand wütend in die Kommentarspalte verabschiedet: Ja, auch hierzulande kommt es zu Gewalt bei Protesten. Linksradikale schmissen in den vergangenen Jahren Steine auf Polizisten, Rechtsradikale griffen Gegendemonstranten an, Corona-Demonstrierende kletterten über das Gitter zum Reichstag, Pro-Palästina-Demos endeten mit Verhaftungen. Aber im Vergleich zu Frankreich etwa rasteten die Deutschen zuletzt selten richtig aus, zumindest nicht in Gestalt einer gewaltbereiten Masse, die landesweit durch die Straßen zieht, öffentliche Gebäude in Brand steckt und Läden plündert.
Das vielleicht bekannteste Beispiel für gewaltsame Ausschreitungen bei Demonstrationen der letzten Jahre sind die linksradikalen Proteste rund um den G20-Gipfel 2017. Aber auch diese blieben auf einen Ort und den Anlass beschränkt. Und es war kein allein deutscher Protest, er war international. Aus ganz Europa reisten Demonstrierende an, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen.
Was also passiert mit der deutschen Wut auf der Straße? Unmut gibt es hier schließlich auch. Die AfD macht längst mit der mangelhaften Infrastruktur, der übertriebenen Bürokratie, dem Aussterben von Kleinstädten und der Verelendung von Großstädten Politik.
Wenn man in die Zahlen schaut, gibt es viele der Probleme, die in Frankreich beklagt werden, auch hier: Der Anteil derer, die armutsgefährdet sind, liegt hier wie dort bei 16 Prozent. Die Preise für die Verbraucher sind in beiden Ländern um ziemlich genau drei Prozent gestiegen. Die hohen Mieten sind in Deutschland sogar ein größeres Problem als in Frankreich. Beim letzten Pisa-Test schnitt Deutschland so schlecht ab wie noch nie. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Frankreich zwar deutlich höher, aber auch hierzulande haben Jugendliche, was ihre Zukunftsaussichten angeht, allen Grund, die Fassung zu verlieren. Steht uns der Kipppunkt also vielleicht doch nur noch bevor?
Telefoniert man Protestforscher im Land ab, rechnet keiner von ihnen damit, dass Ausschreitungen, wie wir sie in Frankreich sehen, in nächster Zeit bei uns drohen könnten. Strukturelle Gründe werden da genannt. Die Tatsache, dass hierzulande Gewerkschaften regelmäßig mit Unternehmern am Tisch sitzen und Kompromisse aushandeln, bevor alles eskaliert. In Frankreich gehe die Polizei viel härter gegen Demonstrierende vor, auch das befördere die Eskalation eher, als dass es sie verhindere. Der vielleicht größte strukturelle Unterschied ist, dass es in Deutschland keine Zentralregierung gibt, die von oben alles entscheidet und auf die sich die geballte Wut einer ganzen Bewegung entladen kann. Im föderalen System bleibt der Protest eher lokal, statt sich im Land auszubreiten.
Oft erstickt die Wut aber auch in der Frustration. Der Protestforscher Simon Teune von der FU Berlin sagt: »Die Deutschen haben den Eindruck, dass Protest wenig bringt.« Während im September 2019 knapp anderthalb Millionen Menschen für mehr Klimaschutz auf die Straße gingen, verabschiedete am selben Tag die Bundesregierung ein ziemlich dürftiges Klimapaket. Als zwischen Januar und Mai 2024 vier Millionen Menschen ihrer Angst vor Rechtsextremismus Luft machten, verpuffte die Wirkung politisch nahezu vollständig. »Selbst bei denen, die gegen Migration protestieren, herrscht der Eindruck, sie werden nicht gehört«, sagt Teune, »obwohl die Asyl- und Migrationspolitik massiv verschärft wurde.«
Nur, wenn das so ist, wenn die Leute sich nicht gehört fühlen, könnte man dann nicht erst recht radikal werden? Alles kaputt hauen, um Druck zu machen? Warum lassen sich die Franzosen zu solchen Taten verleiten, die Deutschen aber nicht?
»Es gibt keine Form des habitualisierten Ausrastens in Deutschland«
Der emeritierte Professor Dieter Rucht, der seit Jahrzehnten Protestbewegungen erforscht, nennt als Antwort auf die Frage Jahreszahlen: 1789, 1830, 1871, 1968. Alles Momente, in denen gewaltsamer Protest in Frankreich Veränderungen herbeigeführt hat, Momente, die bis heute positiv bewertet werden und fester Bestandteil der französischen Identität sind. An erster Stelle natürlich die Französische Revolution. »Der Sturm auf die Bastille, ein Gewaltakt, ist heute sogar Nationalfeiertag«, sagt Rucht. »Das ist ein ganz anderes Bewusstsein, ein regelrechter Stolz.«
Ist radikaler Protest also etwas zutiefst Französisches? Zwar werden auch dort ein brennendes Rathaus, Hunderte verletzte Feuerwehrleute und Polizeikräfte, Plünderungen von keiner Mehrheit gutgeheißen. Aber in Frankreich gehöre es viel eher zum Selbstverständnis der Bürger, gegen den aus ihrer Sicht elitären Staat aufzubegehren, notfalls mit Gewalt, sagt Dieter Rucht. Die Gewerkschaften setzen sich auch deshalb ungern an den Tisch mit Unternehmern, weil sie ihren Platz auf der Straße verorten.
Am Ende hat es immer auch etwas mit der Protestkultur eines Landes zu tun, welche Mittel gewählt werden und wie schnell es eskaliert. Oder wie der Forscher Simon Teune es ausdrückt: »Es gibt keine habitualisierte Form des Ausrastens in Deutschland.« In unseren Köpfen tauchen keine heroischen Bilder einer erfolgreichen Revolution auf, wenn von brennenden Barrikaden die Rede ist, eher die von Zerschlagung, Gewalt, Tod. Bereits ein paar Traktoren vor dem Brandenburger Tor versetzten die Politik in Panik.
Und apropos Bauern: Bei den Bauernaufständen von 1525 in Deutschland verloren 70.000 Menschen ihr Leben, und die nächsten zweihundert Jahre kam in Deutschland kaum ein Bauer mehr auf die Idee, zu rebellieren. Vielleicht erinnert sich daran keiner mehr bewusst in diesem Land. Aber die Hamburger Protestforscherin Nina-Kathrin Wienkoop sieht bis heute eine tief sitzende Angst vor dem Chaos in Deutschland, unter anderem als Folge der Erfahrungen in der Weimarer Republik. »Frankreich war immer näher an einer Revolution als wir«, sagt sie, »zumindest in Westdeutschland.« Und auch der Protest gegen die DDR endete nicht im Chaos, sondern friedlich.
In den Siebziger- und Achtzigerjahren kam es dennoch zu massiver Protestgewalt in Deutschland. In Wackersdorf und Brokdorf etwa warfen Demonstrierende der Antiatomkraftbewegung Molotowcocktails auf die Polizei, diese setzte Hubschrauber und Wasserwerfer ein. Aber auch diese Zeit ging anders als die französischen Erfahrungen nicht als positive Erinnerung ins kollektive Bewusstsein ein. Im Gegenteil.
Blickt man auf die Rhetorik der vergangenen Jahre, wird erkennbar, dass sich mit der deutschen Angst vor Chaos gut Politik machen lässt: Die Warnung vor ausuferndem Protest wird in Deutschland leicht zu einem Instrument, um bürgerlichem Aufbegehren an sich die Kraft zu rauben. So wurden »Klimakleber« zu »Klimaterroristen« erklärt, und es wurde hart gegen sie vorgegangen. Und das, obwohl die große Mehrheit der Klimaproteste vollkommen harmlos blieb. Auch wegen dieser Rhetorik ist die Protestbewegung heute am Ende.
Und vielleicht liegt ja darin die aktuelle Lehre für Deutschland: Angst vor Protesten wie in Frankreich müssen wir derzeit anscheinend keine haben, Angst vor der Angst hingegen schon.
Denn wenn das soziale Aufbegehren per se gefürchtet oder gar reflexhaft abgeschmettert wird, erstickt man womöglich Bewegungen, noch bevor sie friedlich beginnen. Und die Wut? Die bahnt sich dann andere Wege.
Die Erwartung zukünftiger Ereignisse hat nun einmal weitreichende Folgen für unser Handeln im Jetzt, egal, ob sie eintreten werden oder nicht. Ganz wie bei Godot.
passiert am 21.10.2026