„Fuck Künstliche Intelligenz!“ – Amerikas Hass auf KI
Aus Ablehnung gegenüber KI und Angst vor Arbeitslosigkeit wächst in den USA die Protestbewegung gegen die Tech-Konzerne. In der Regel bleiben die Proteste friedlich – doch eine Welle der Gewalt verunsichert das Silicon Valley.
Vor dem New Yorker Firmensitz von Palantir wird es laut. Eine Gruppe von Demonstranten hat zu Sprechchören gegen die „Agenda von Big Tech“ angesetzt, dann tritt Claire Valdez ans Mikrofon. Die 36-jährige Politikerin vom Linkaußen-Flügel der Demokraten brüllt beinahe ins Megafon. „Voller Zorn“ sei sie hierhergekommen, sagt sie.
„Wir stehen auf gegen diese schreckliche Technologie und die Milliardäre, die davon profitieren“, ruft Valdez. Der Protest der Gruppe „Make the Road New York“ richtet sich an diesem heißen Donnerstag gegen drei Dinge: die Datensammlungs-Software von Palantir, die Einsätze der ICE-Agenten – und gegen den Bau neuer Rechenzentren. Landesweit finden diese Woche mehr als ein Dutzend Kundgebungen statt.
Dabei läuft alles geordnet und friedlich ab. Aber das ist nicht immer so. Denn mit der zunehmenden Skepsis gegenüber den großen Tech-Firmen ist die Stimmung im Land gekippt. Laut einer Umfrage des Forschungsunternehmens Gallup lehnen mittlerweile sieben von zehn Amerikanern den Bau von Rechenzentren in ihrer Region ab. Kaum ein Viertel befürwortet solche Projekte, wobei sich lediglich sieben Prozent stark dafür aussprechen. Und nicht nur Menschen aus dem linken politischen Spektrum lehnen die Bauvorhaben überwiegend ab. Auch unter Anhängern der Republikaner ist eine Mehrheit gegen den Bau der Anlagen in Wohngebieten.
Mit dem stetig wachsenden Einsatz von KI, aber auch der normalen Nutzung des Internets, steigt der Bedarf an Rechenleistung unaufhörlich an. Überall im Land sind Rechenzentren geplant oder im Bau. Denn Präsident Donald Trump will den KI-Wettlauf gegen China gewinnen und hat für die Branche ein erhebliches Subventionsprogramm aufgesetzt. Mittlerweile stehen laut Branchendaten der Analysefirma Aterio mehr als 2000 große Datenzentren im ganzen Land, 809 befinden sich derzeit im Bau – und hunderte weitere sind in Planung.
Beim Protest gegen die Bauvorhaben geht es nicht nur um eine „Not-in-my-backyard“-Mentalität („Nicht in meinem Garten“). Längst hat sich die Bewegung gegen Big Tech als Ganzes gerichtet. Vor allem junge Amerikaner haben Angst vor dem Jobverlust – oder davor, umsonst Unsummen in eine Universitätsausbildung gesteckt zu haben, die ihnen schon bald nichts mehr bringt.
Denn zwar boomen die Tech-Konzerne und mit ihnen die amerikanische Wirtschaft. Aber am Arbeitsmarkt kommt davon nichts an. Aktuelle Zahlen zeigen einen klaren Trend zum Stellenabbau statt zu Neueinstellungen – vor allem getrieben durch die KI. Hauptverantwortlich für den Großteil des Stellenabbaus sind Oracle, Amazon, Dell und Meta, jeweils mit Zehntausenden gestrichenen Stellen. Allein in Kalifornien fielen seit Jahresbeginn laut dem Tracking-Portal layoffs.fyi mehr als 16.000 Tech-Arbeitsplätze weg, etwa ein Fünftel davon bei Meta.
Tech-Firmen erhöhen Sicherheitsstandards
Vielerorts hat sich das Gefühl eingeschlichen, dass, wer bei Meta, Microsoft und Co. codet, an nicht weniger als der Abschaffung des eigenen Jobs arbeitet. Schon länger hat sich auch an den Universitäten des Landes der Wind gedreht. Auf den großen Hype im Zuge des KI-Siegeszuges folgte Ernüchterung.
Immer wieder nutzen prominente Akteure aus Politik und Wirtschaft ihre Reden anlässlich der Abschlussfeiern, um für die KI-Revolution zu werben – und ernten dafür klare Ablehnung. Die Immobilienmanagerin Gloria Caulfield etwa teilte den Absolventen der University of Central Florida mit, dass „der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz die nächste industrielle Revolution“ sei. Die Reaktion war lautes Buhen.
Musikproduzent Scott Borchetta, Chef des Musiklabels Big Machine Records, wurde an der Middle Tennessee State University verhöhnt, als er sagte, KI stelle die Musikbranche auf den Kopf. Auch die Rede des ehemaligen Google-CEOs Eric Schmidt an der University of Arizona ging in Buhrufen unter. Frenetischen Beifall erntete hingegen der Comedian Ronny Chieng, der Studenten in Harvard zurief: „Fuck Künstliche Intelligenz! Die Mission eurer Generation ist es, KI zu zerstören.“
Einige Protestler haben Aufforderungen wie diese wohl sehr wörtlich interpretiert. Neben legitimen Protesten kommt es in den USA zunehmend zu Gewaltaktionen und Anschlagsversuchen. Für Aufsehen sorgte etwa das, was sich im April in der Lobby des Anthropic-Konzerns in San Francisco abspielte. Laut „Wall Street Journal“ (WSJ) hatte sich ein Mann Zugang zur Firmenzentrale verschafft, indem er sich gemeinsam mit einem nichtsahnenden Mitarbeiter durch eine der Schleusen quetschte. Auf einem Briefumschlag soll der Name eines führenden Anthropic-Managers gestanden haben – dieser werde „umgebracht werden“, äußerte der Eindringling gegenüber einem herbeigeeilten Wachmann.
Eine Einzelaktion eines geistig Verwirrten? Eher nicht. Wochen zuvor wurden bei einer Demo in San Francisco Gewaltaufrufe gegen führende Tech-Unternehmer laut. Und nur Tage nach dem Einbruch bei Anthropic wurde ein Mann festgenommen, just, als er einen Brandanschlag auf das Haus von OpenAI-Chef Sam Altman begehen wollte. Der Mann aus Texas wurde wegen versuchten Mordes und versuchter Brandstiftung angeklagt. Die Polizei fand ein Manifest, das zur Tötung von KI-CEOs und -Investoren aufrief.
Das WSJ berichtet darüber, dass im Zuge der Welle gewaltbereiter Rhetorik und Drohungen Tech-Führungskräfte ihre Sicherheitsvorkehrungen deutlich verschärft haben. Einige trauen sich nur noch mit bewaffneten Personenschützern in die Öffentlichkeit. In vielen Büros wurden die Sicherheitsmaßnahmen hochgefahren, auch werden Mitarbeiter angewiesen, möglichst auf das Tragen von Klamotten oder Accessoires mit Firmenlogo zu verzichten, um nicht zum potenziellen Angriffsziel zu werden.
Denn immer wieder kommt es zu besorgniserregenden Vorfällen, gerade bei Anthropic. Im Frühjahr soll ein Mann, der sich unter falschem Namen dort beworben hatte, gedroht haben, die Kinder von Firmenmitarbeitern zu töten. Die Polizei stufte den Vorfall als terroristische Drohung ein. Im Juni meldete das Unternehmen der Polizei einen Mann aus Oklahoma, der im Zuge einer beantragten Rückerstattung schriftlich drohte: „Da ihr euch weigert, mir eine echte Person zur Verfügung zu stellen, die mit mir Kontakt aufnimmt und mein Geld zurückerstattet, werde ich mit meiner Pistole in eurem Büro vorbeikommen, und dann werden wir ein verdammtes Gespräch über mein Geld führen.“
Auch im Netz kommt es immer häufiger zu Gewaltaufrufen. Die Zahl der digitalen Drohungen gegen KI-Führungskräfte und Rechenzentren hat sich im ersten Quartal des Jahres versiebenfacht, wie eine Auswertung der Datenanalyse-Firma Liferaft zeigt. Schon Ende 2025 warnte die Forscherin Gabriella Tejada vom Soufan Center – einem Thinktank für Sicherheitspolitik – dass Online-Drohungen zur Sabotage von Rechenzentren einen „neuen gewaltsamen Extremismus-Strang“ hervorbringen könnten.
Während sich einige der Firmenchefs infolgedessen abschotten, suchen andere die Öffentlichkeit. Palantir-Chef Alex Karp beispielsweise. Er zeigt sogar Verständnis für die Ablehnung und den Zorn. Auf einer Konferenz im Juni sagt er, dass man die Angst vor Arbeitslosigkeit als Folge von KI-Einsatz ernstnehmen müsse. Wenn man den Menschen sagt: „Euer Job wird verschwinden“, dann „greifen die Leute zur Mistgabel“, so Karp.
Auch in der Politik wird das Thema immer präsenter, gerade im Zuge der bevorstehenden Zwischenwahlen. Ob Bernie Sanders oder Alexandria Ocasio-Cortez: Besonders Politiker vom linken Flügel der Demokraten machen Stimmung gegen den Datenzentren-Boom. „KI wird von Menschen kontrolliert. Rechenzentren werden von Menschen gebaut“, sagt Justin Pearson gegenüber Politico (gehört wie WELT zu Axel Springer). „Und diese Menschen – die Art, wie sie existieren und in der Welt agieren – sind eine Bedrohung für die Menschheit.“
Der 34-Jährige ist ein Hinterbänkler aus Tennessee. Doch kaum einer verkörpert den Hass auf den Bauboom der Tech-Konzerne so wie er. Bei seinen emotionsgeladenen Auftritten, die schnell die Runde im Netz machten, spricht er regelmäßig von Tyrannei und dichtet schon mal die amerikanische Verfassung um, wenn er Dinge sagt wie: „Wir, das Volk, das sich nicht beugen wird, das nicht aufgeben wird, das nicht unter der Last der Herrschaft von Milliardären zerbrechen wird.“
Wenige Minuten von Pearsons Büro in Memphis entfernt liegt Elon Musks Colossus-1-Rechenzentrum. Der Name ist hier Programm. Pearson sagt, beim Bau hätten die Emissionsschutzvorrichtungen, die nach Bundesvorschriften eigentlich üblicherweise vorgeschrieben sind, keine Rolle gespielt.
Mehrere Umweltgruppen haben xAI inzwischen verklagt. Sie schätzen, dass die Anlagen jährlich mehr als 2500 Tonnen smogbildender Schadstoffe ausstoßen könnten – und das in einer Region, die bereits eine überdurchschnittliche Rate an Notaufnahme-Patienten wegen Asthma aufweist.
Wie aussichtslos solche Klagen meist sind, zeigt der weitere Fortgang. Mitte Juni schaltete sich das Justizministerium (DOJ) aufseiten von xAI ein und beantragte, die Klage abzuweisen, mit der Begründung, eine Abschaltung der Turbinen würde die „amerikanische nationale Wirtschafts- und Energiesicherheit“ gefährden. Ein Pentagon-Vertreter verwies dabei auf den Einsatz des KI-Assistenten Grok von xAI bei Militäroperationen. Geführt wird das Ministerium vom Trump-Loyalisten Todd Blanche, der für die entlassene Pam Bondi einsprang.
Dass auch Politiker, die sich aktiv für den Bau von Datenzentren einsetzen, mitunter in Gefahr sind, zeigt ein verstörender Vorfall aus Indianapolis im Bundesstaat Indiana. Anfang Juni wurden dort auf das Haus von Stadtrat Ron Gibson 13 Schüsse abgefeuert, nachdem er für ein Rechenzentrum in seinem Bezirk gestimmt hatte. Ein Zettel unter der Fußmatte trug die Aufschrift „No Data Centers“.
Auch die Position des Präsidenten ist klar. „Man kann nicht dagegen ankämpfen, man muss mitziehen“, sagte er kürzlich auf die Fragen nach der Kritik an den Zentren. „Es gibt Gemeinden, die sich die Rechenzentren wirklich wünschen, und das sind ehrlich gesagt die klugen Gemeinden.“
Ob Tennessee, Texas oder Utah: Dass die Firmen vorwiegend in republikanisch regierten Staaten bauen, ist kein Zufall. Laxe Umweltauflagen, schnellere Genehmigungen und Steuervergünstigungen sind das investorenfreundliche Konzept, mit dem etliche Lokalpolitiker die Bauherren geradezu in ihre Kommunen gelockt haben. Mit dem Argument der sprudelnden Steuereinnahmen und des Arbeitsplatzaufbaus werden die Bedenken der Anwohner weggefegt.
Wie wenig Protest und Klagen bringen, zeigt sich beispielsweise in Texas. Anfang des Jahres war WELT vor Ort im Örtchen Blue, in dessen Nähe ein Rechenzentrum errichtet wird. Die Häuser, die dort standen, wurden abgerissen, Anwohnern wurde eine Entschädigung gezahlt. Gegen das Bauvorhaben reichten mehrere Initiativen Klage ein. Ob Angst vor dem Lärm der Gasturbinen, Bauschutt vor der Haustür, Verkehrschaos, verschmutzter Luft, fehlendem Wasserdruck oder Beeinträchtigung des Grundwassers: Die Liste der Sorgen der Menschen hier in der Gegend ist lang.
Mit ihrem Protest sind die Anwohner allerdings erfolglos geblieben. Sogar eine Anhörung bei der zuständigen Umweltbehörde „Texas Commission on Environmental Quality“ wurde der Gruppe verwehrt. Mittlerweile stehen 878 Datenzentren in Texas, mit Abstand die meisten im ganzen Land. Hunderte weitere sind bereits in Planung.
In demokratisch regierten Staaten wie New York hingegen legt die Regierung den Bauvorhaben Steine in den Weg. So hat die demokratische Gouverneurin Katie Hochul im Juli einen einjährigen Baustopp für Rechenzentren ab 50 Megawatt Strombedarf unterzeichnet. Die Maßnahme ist der erste landesweite Stopp dieser Art in den USA und soll dem Schutz von Stromnetzen, Wasserreserven und Verbraucherpreisen dienen.
Was Anwohner jubeln lässt, sorgt für Verstimmung unter den Investoren. Gerade das KI-hungrige New York City könnte mehr Rechenleistung vor der Haustür dringend gebrauchen. Gebaut werden die Zentren aber wohl so oder so: Insgeheim freuen dürften sich die Bundesstaaten, die den Zuschlag stattdessen bekommen.