„Renn oder Brenn“ – Brandanschlag gegen propalästinensische Aktivistin Lisa K.

Am Freitagabend [30.10.26] brannte es in der Wohnung von Lisa K. in Leipzig-Connewitz. In den Wochen zuvor wurden im Kiez Graffitis mit expliziten Morddrohungen gegen das Mitglied des FLINTA*-Teams des Fußballvereins Roter Stern Leipzig gesprüht. Im Vereinsvorstand haben proisraelische „Antideutsche“ erheblichen Einfluss. Eine Rekonstruktion der Ereignisse von etos.media-Redakteur Jakob Reimann.

UPDATE: In einer ursprünglichen Version des Artikels waren zwei Funktionäre des Vereins Roter Stern Leipzig mit Klarnamen genannt. Auf Wunsch der betroffenen Mitglieder des FLINTA*-Teams wurden diese entfernt.

Manchmal folgen Worten eben auch Taten. Am Freitagabend brannte es in einem Mehrfamilienhaus in der Wolfgang-Heinze-Straße in Leipzig-Connewitz. Die Wohnung im dritten Stock war zu dem Zeitpunkt leer – die Bewohnerin Lisa K. war nicht vor Ort. In den Wochen zuvor waren im Kiez Dutzende Graffitis mit Morddrohungen gegen die palästinasolidarische Aktivistin gesprüht worden: „Lisa K. renn oder brenn“, lautete eine davon.

Um 19.22 Uhr ging der Notruf bei der Leitstelle ein, berichtete die Leipziger Volkszeitung; 30 Minuten später wurde der Brand als gelöscht gemeldet. Die Feuerwehrleute mussten sich gewaltsam Zugang verschaffen. Bereits zuvor hatten die Bewohner das Haus verlassen. Verletzt wurde niemand. Mit Spezialfiltern musste der Rauch entfernt werden.

Die Kriminalpolizeiinspektion führe Ermittlungen wegen des Verdachts eines Branddelikts, erklärt ein Polizeisprecher gegenüber etos.media. Der oder die Täter müssten in die Wohnung eingebrochen sein und hätten in allen Räumen Brandbeschleuniger verteilt, erzählt Lisa K. im Gespräch. Fotos und Videos des Tatorts liegen der Redaktion vor, werden aus Achtung vor K.s Privatsphäre jedoch nicht veröffentlicht. Sie zeigen schwere Brandschäden im Eingangsbereich der Wohnung und in einem zweiten Raum. Die Einrichtung wurde in weiten Teilen zerstört und die Wohnung komplett verwüstet. Dies deutet neben Einbruch und schwerer Brandstiftung auch auf Vandalismus hin. Solidarische haben einen Hilfsfonds für Lisa K. eingerichtet.

Am frühen Sonntagmorgen brannte es in einem weiteren Haus in Connewitz, berichtete die Leipziger Volkszeitung. Ein Kinderwagen im Hausflur in der Bornaischen Straße wurde in Brand gesetzt. Auf der Fassade des Hauses stand ein Soli-Graffiti: „We stand with Lisa.“ Es wurde später von Unbekannten übermalt.

*„Stell dich dem Plenum“*

Dem Brandanschlag ging über Monate hinweg eine Reihe von Ereignissen voraus, die womöglich in direktem Zusammenhang mit der zerstörten Wohnung stehen. In der Nacht zum 17. September und in drei weiteren Nächten wurden insgesamt mehr als 80 Graffitis im Umfeld des Vereins und in Lisa K.s Connewitzer Kiez gesprüht. Sie enthielten gewaltverherrlichende, rassistische, frauenfeindliche und teils extrem verstörende Inhalte. Darunter waren zahlreiche Todeswünsche bis hin zu Morddrohungen:

– „Häng dich auf Lisa K.“
– „Lisa K. renn oder brenn“
– „Antisemiten raus aus dem RSL. Lisa K. nimm dir einen Strick“
– „Anti-Lisa Aktion Antisemiten raus aus dem RSL!“
– „Lieber 100 Nazis im Kiez als Lisa K.“
– „Lisa K. raus aus dem RSL“
– „Lisa K. stell dich dem Plenum“
– „Lisa K. töten!“
– „Lisa K. totknüppeln“
– „Lisa K. jagen!“
– „Lisa K. wir kriegen dich!“
– „Antisemiten töten. Lisa K. stell dich!“
– „Lisa K. raus aus dem Kiez!“
– „Bald 1 Raum Whng unter der Erde für Lisa K.“
– „Lisa K nach Gaza deportieren“
– „Vergewaltigung in Gaza für Lisa K.“
– …

Es werde „unter anderem wegen Sachbeschädigung und Bedrohung ermittelt“, erklärt ein Sprecher der Polizeidirektion auf Anfrage. Die verschiedenen Handschriften legen nahe, dass es sich um mehrere Täter handelt. „Lisa K. renn oder brenn“ impliziert eine Verbindung zum Brandanschlag. Der mehrfache Bezug zum Roten Stern lässt womöglich auf Personen aus dem RSL-Umfeld schließen, etwa die Aufforderung „Lisa K stell dich dem Plenum“.

Auf dem Plenum am 24. September habe die RSL-Sicherheitsbeauftragte laut mehreren Anwesenden mit Nachdruck erklärt, sie erwehre sich dagegen, dass die Person/en aus dem Verein stammt/en. Worauf sich diese Ansicht stützt, ließ sie offen. Eine diesbezügliche Presseanfrage an den RSL blieb unbeantwortet. „Dem Vorstand ist nicht bekannt, wer die Graffiti gesprüht hat“, heißt es in einer Stellungnahme vom 29. Oktober. „Hinweise darauf, dass Personen im Verein die Täter kennen und schützen, liegen uns, der Sicherheitsbeauftragten und auch anderen Personen im Verein nicht vor“, heißt es weiter. Angesichts der Zahl von 2.163 Vereinsmitgliedern (Stand 1. Januar) ist eine solche Aussage aus praktischen Erwägungen schwer zu treffen.

*Streit beim Roten Stern*

Lisa K. ist seit Sommer 2024 im Fußballverein Roter Stern Leipzig aktiv und ist zum aktuellen Saisonbeginn im Mai vom zweiten in das erste FLINTA*-Team, das sogenannte Team23, gewechselt. Nach Angaben mehrerer Vereinsmitglieder kam es in dem stark von den sogenannten Antideutschen geprägten Verein wiederholt zu Konflikten im Zusammenhang mit dem „Nahostkonflikt“, insbesondere um die Frage der Solidarität innerhalb des Vereins.

Eine Person habe bei einem Training im Januar ein FC-Palestina-Trikot getragen, auf dem die beiden Einsen der Rückennummer 11 in Form des Umrisses des historischen Palästinas dargestellt sind. Daraufhin sei es zu Anfeindungen durch proisraelische Vereinsmitglieder gekommen, da die Darstellung „eine Auslöschungsfantasie Israels“ vermittle und das Trikot „antisemitisch“ sei. Die Person nahm am 7. Oktober 2025 auch an einer von der antifaschistischen Gruppe Handala organisierten Demo teil und wird seitens des RSL sanktioniert.

Das Team23 wird nach Aussagen mehrerer Personen insbesondere von „antideutschen“ RSL-Mitgliedern angefeindet. Bei einem Spiel der Herrenmannschaft seien laut Lisa K. transfeindliche Aussagen gegen das FLINTA*-Team sowie Diffamierungen wie „Team der Judenhasser und Antisemiten“ geäußert worden. Die 27-jährige Lisa K. hat ein Elternteil aus Bangladesch und wurde als Woman of Color von „Antideutschen“ im Verein wiederholt rassistisch stereotypisiert, erzählt sie im Gespräch. Sie werde als hysterisch, emotional und unsachlich dargestellt – als „angry black woman“.

Am 10. September kam es im RSL-Plenum zu Streit. Das Team23 und zwei weitere FLINTA*-Teams wollten am kommenden Spieltag mit einem Kuchenstand Spenden zugunsten des „Lemon Tree Collective“ sammeln. Die NGO wurde von der Leipziger Journalistin Helen Fares gegründet und leistet humanitäre Arbeit in Gaza, Syrien und Ägypten. Gegen das Kollektiv, insbesondere gegen Fares, seien auf dem Plenum und in folgenden E-Mails Antisemitismusvorwürfe erhoben worden, berichten mehrere dort Anwesende. Gegen Fares wurden entsprechende Vorwürfe seit dem Frühjahr 2024 öffentlich geäußert, nachdem sie mit ihrer humanitären Arbeit in Gaza begann und sich für einen Boykott israelischer Waren und Dienstleistungen aussprach, „um nicht indirekt den Genozid am palästinensischen Volk zu finanzieren“, erklärt sie gegenüber etos.media.

Nachdem Lisa K. im Plenum die Hoffnung geäußert hatte, dass zumindest ein Minimalkonsens darüber bestehen sollte, dass in Gaza ein Genozid stattfinde, wurde gelacht. K. reagierte mit den Worten: „Adolf Hitler wäre stolz auf euch“ und „Ihr seid richtig gute Nachfahren eurer Nazi-Großeltern“.

*„Sieg Heil!“ gegen Antisemitismus*

Etwa eine Stunde nach dem Plenum ging Lisa K. mit ihrem Hund Gassi und traf in der Nähe der szenigen Connewitzer Fußballkneipe König Heinz auf einen Trainer mehrerer Teams beim RSL. In Richtung von Lisa K. habe der „Sieg Heil!“ gerufen und ihr den „Hitlergruß“ gezeigt. Auf K.s Nachfrage „Wie bitte?“ habe er den in der Zeit des deutschen Faschismus allgegenwärtigen Gruß Adolf Hitlers wiederholt, erzählt sie im Gespräch. Die faschistische Symbolik sei im Zusammenhang mit den von K. im Plenum erhobenen Vorwürfen verwendet worden.

Die nach § 86a StGB in der BRD verbotene „Sieg Heil!“-Äußerung räumt der Vereinsvorstand in seiner öffentlichen Erklärung vom 29. Oktober ein. Der Trainer wird darin als namenloses „Vereinsmitglied“ bezeichnet, ohne zu erwähnen, dass er hauptamtlich beim RSL tätig ist. „Einen Hitlergruß hat diese Person aber nachweislich nicht gezeigt“, heißt es vom Vorstand. Wie dieser „Nachweis“ aussehe, bleibt auf Anfrage unbeantwortet. Mehrere Vereinsmitglieder geben an, der Trainer habe später behauptet, er habe Lisa K. lediglich zugewunken. „Diese Person ist aktuell suspendiert. Ein Aufarbeitungsprozess wurde begonnen“, heißt es beim RSL weiter.

Laut dem Sitzungsprotokoll des RSL-Plenums vom 29. Oktober, das etos vorliegt, hat der Trainer bereits am Workshop „Überlastung im Ehrenamt“ teilgenommen und sich für „Anfang November“ zum Workshop „Positionen von Männern als verbündete Personen in Arbeitskontexten“ angemeldet. Der Zusammenhang dieser Seminare mit dem Zeigen faschistischer Symbolik erschließt sich nicht. Laut Plenumsprotokoll werde der Trainer seine „hauptamtliche Tätigkeit weitermachen“; er nehme „laut Aussagen gerade seine Überstunden“.

*Ideologische Irrwege*

„Der Rote Stern Leipzig ’99 ist ein antifaschistisches Sportprojekt“, beginnt das „Selbstverständnis“ des Vereins, der das öffentliche „Sieg Heil!“ eines führenden Mitglieds einräumte. Auch der dort formulierte Anspruch, „sich gegen jegliche Form von Diskriminierung wie Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Homophobie“ einzusetzen, scheint mit den geschilderten Vorfällen nur schwer in Einklang zu bringen zu sein.

Es bleibt ein „antifaschistischer“ Fußballverein, der an seinen selbst gesetzten Ansprüchen scheitert. Es bleibt die Gewalt in Westasien, die sich über ideologische Irrwege ihren Weg in die Kieze der Bundesrepublik bahnt. Lisa K. ist schwer mitgenommen von dem Angriff auf ihr Leben. „Laufen Sie nicht mehr ohne Pfefferspray alleine rum“, riet ihr ein Polizist. Auch bei Tageslicht traut sie sich in Connewitz kaum mehr auf die Straße, erzählt sie.

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